Clockwork Orange – Einmann-Horrorshow – Theater

4. Dezember 2009

„Clockwork Orange“ von Anthony Burgess als 1-Mann-Bühnenstück? Geht nicht? Könnt Ihr Euch nicht vorstellen? Ist aber eine tolle Sache, Uwe (Regie, Technik, Buch) und Stefan (Hauptdarsteller) haben den „Clockwork Orange“-Stoff gut umgesetzt, die schauspielerische Leistung von Stefan ist erstaunlich, die Aufführung lässt wirklich keine Wünsche offen und übertrifft wohl die Erwartungen der meisten Zuschauer.

Micky: Uwe, wann reifte bei Dir die Idee, ein Theaterstück aus dem Buch „Clockwerk Orange“ von Anthony Burgess zu machen. War es von Anfang an als 1-Mann-Stück geplant? Kennst Du andere Bühnenaufführungen des „Clockwork“-Stoffes?
Uwe: Am Anfang stand die Idee, ein Einpersonenstück zu machen, weil ich es bei meiner letzten Inszenierung so stressig fand, auf der Bühne ein knappes Dutzend Leute unter einen Hut zu bringen. Man kann mit ner Einzelperson einfach intensiver arbeiten.
Clockwork Orange bot sich an, da es aus ner Ich-Perspektive geschrieben is. Außerdem wollte ich was populäres machen, und das ist Clockwork halt durch die Verfilmung von Stanley Kubrick. Ich bin nach Salzburg und Detmold gefahren und hab mir da Bühnenfassungen von Clockwork Orange angeschaut in städtischen Theatern.
Die verfügen natürlich über ganz andere finanzielle Mittel als wir, aber durch Bühnentechnik-Massaker (wo du von den Kosten eines Bühnenbildes zehn Jahre deine Miete zahlen könntest, haha) wird die Geschichte nicht glaubwürdiger, wenn die Darsteller es nicht sind.
Micky: Wie lange hast Du an dem Stück geschrieben bis eine annähernd fertige Bühnefassung vorlag? Was waren die Hauptprobleme dabei, den Stoff auf eine Person zuzuschneiden?
Uwe: Ich hab Neujahr 2004 angefangen, diese Version zu schreiben, und dann meistens im Urlaub dran gebastelt, so als Hobby, lecker Gläschen Rotwein und ne schöne Sportzigarette dazu, wie andere halt malen oder komponieren.
Wie gesagt, durch die Ich-Perspektive des Romans war schon so ne Erzählerstruktur vorhanden, von daher drängt es sich fast auf, das so umzusetzen.
Micky: Wie lief die Suche nach dem einzigen Schauspieler im Stück ab? Waren neben Stefan auch andere für die Rolle im Gespräch?
Uwe: Ich hatte zuvor zwei andere Kandidaten: einen professionellen Schauspieler, der zwischen zwei Fernseh-Nebenrollen mit mir bisschen Off-Theater machen wollte, natürlich gegen entsprechende Bezahlung, und nen sehr geilen Typen namens Zigeuner-Rolf, der aber nicht bereit war, so viel zeit da rein zu investieren. Mit beiden wäre es unmöglich gewesen, so was langfristiges aufzuziehen.
Ich betrachte es als großen Glücksfall, Stefan für die Rolle gefunden zu haben. Er ist sehr talentiert, ihn zieht es wahnsinnig auf die Bühne, das Projekt liegt ihm genauso wie mir am herzen, und er hat auch den selben Punk/d.i.y.– Background, wie ich. im Endeffekt isses, wie wenn wir ne Band zusammen machen würden.
Micky: Stefan, wie bist Du zu der Rolle in Uwes Stück gekommen? Hattest Du vorher schon schauspielerische Erfahrungen oder bist Du ein Naturtalent?
Stefan: Aaaalso, ich könnte ja jetzt auch ein ganzes Buch schreiben, aber es war einfach wohl ein glücklicher Zufall, dass zwei künstlerisch ambitionierte Menschen sich über den Weg laufen und sich entschließen, was auf die Beine zu stellen. Uwe wollte ein Theaterstück, ich wollte auf die Bühne, beide mochten Clockwork Orange, und Gott sah, dass es gut war.
Wenn als schauspielerische Erfahrung zählt, mit 8 Jahren als Frau verkleidet auf Kinderfasching zu kokettieren, dann habe ich wohl eine Menge davon.
Nee, im ernst: ich bin ein Naturtalent, har, har.
Micky: Woher kommen eigentlich das Equipment/technische Ausstattung von No Budget Produktion? Großartige finanzielle Mittel scheint Ihr ja nicht zu haben, oder?
Uwe: Der Name ist Programm. Wir haben überhaupt keine finanziellen Mittel. Die Produktionen laufen auf pump, und wir hoffen, das über die Eintrittsgelder irgendwie reinzukriegen. Was technische Ausstattung angeht: ich arbeite als Techniker in nem kleinen Theater und kann mir dort Scheinwerfer, etc ausleihen, für diese Unterstützung bin ich sehr dankbar.
Micky: Uwe, Du bist Autor, Regisseur und kümmerst Dich um die Technik, eine reguläre Arbeit hast Du natürlich nebenbei auch noch. War es Dir manchmal etwas zuviel?
Das Theater im Marienbad, wo ich arbeite, is während der Sommerferien geschlossen. So konnten wir sieben Wochen dort ungestört proben, ohne nebenher Lohnarbeit machen zu müssen. Das war echt mal ne geile Zeit, unglaublich intensiv, vergleichbar mit ner Situation im Tonstudio.
Micky: War es schwer einen passenden Aufführungsort zu finden? Wie seid Ihr zu dem Raum im Bahnhofsweg gekommen? Für Leute, die an dem Stück interessiert sind, wo genau in Freiburg liegt eigentlich der Bahnhofsweg?
Uwe: Das Ding heißt BAHNWEG! Die Vorstellungen finden im Bahnweg 6 statt, das is hinter der Breisgaumilch in Freiburg-Haslach. Wir empfehlen Michelin-Routenplaner.
Das is ne sehr geile, versteckte Ecke von Freiburg, ne echte Perle. In ehemaligen Lagerräumen befinden sich Ateliers, Proberäume, ne Schreinerei, und Chris, ein alter freund von mir, wohnt auch dort. So kam die Verbindung zustande.
Micky: Stefan, wie hast Du Dich eigentlich auf Deine Rolle vorbereitet? Das Buch gelesen? Sprechübungen gemacht? Erzähle doch ein bisschen über die Proben mit Uwe?
Und Uwe, hat sich Stefan gleich in die Rolle reingefunden?
Stefan: Ja, das Textbuch hab ich gelesen, haha.
Die Proben, hm, ums kurz zu machen, es war Arbeit, Handwerk und jede Menge kreativer Explosionen.
Micky: Stefan, hast Du eigentlich Lampenfieber? Wie war es denn vor dem ersten Auftritt? Und wie ist es heute? Bist Du noch aufgeregt vor der Aufführung oder ziehst Du das einfach ganz kaltblütig durch?
Stefan: Ja, ich habe Lampenfieber. Um es mal zu umschreiben, muss man sich einen Bungee-Sprung vorstellen. 30 Minuten Hölle vor dem Sprung, danach 3 Minuten Absprung (Einlass) und zu guter letzt 2 Stunden Flug. Aber der Mensch ist ja bekanntermaßen ein Gewohnheitstier.
Micky: Ursprünglich sollten auch Filmsequenzen im Hintergrund eingeblendet/abgespielt werden. Warum sind die heute im Stück nicht mehr zu sehen?
Uwe: Wir haben uns im Laufe der Produktion dagegen entschieden, den Hintergrund mit Projektionen zu gestalten, weil wir es zu aufgeblasen fanden und den Fokus lieber auf die Figur Alex legen wollten. Videoprojektionen auf der Bühne find ich etwas ausgelutscht, obwohl wir es ja schon auch benutzen.
Micky: Was hat Clockwork Orange für eine Message/Aussage für Euch? Es gibt ja manche, die finden einfach die Gewalt toll und gründen im Extremfall gleich eine Schlägergang nach dem Vorbild von Alex und seinen Mannen. Was haltet Ihr von solchen Leuten?
Uwe: Wie in vielen seiner Romane, beschäftigt sich Anthony Burgess in „a clockwork orange“ mit Moral. Wer definiert Moral? Wie ist dem Bösen im Menschen beizukommen? Heiligt der Zweck die Mittel? Der Roman spielt in einer düsteren, nahen Zukunft. Alex ist eine Kunstfigur, die sich über jegliche Regeln hinwegsetzt und kein Mitleid kennt. Stanley Kubrick hat das in seiner Verfilmung sehr beängstigend dargestellt und durch sehr kräftige Stilmittel wie Kostüm und Szenenbild umgesetzt. Das übt natürlich eine gewisse Faszination, vor allem auf junge Männer, aus. Auszusehen und sich zu verhalten, wie Figuren aus Filmen, verleiht einem eine vermeintliche Stärke und Coolness. Hast du als Kind nie Western nachgespielt?
Micky: Ihr hattet neulich ja ein Gastspiel in Hamburg? Wo genau fand das statt? Habt Ihr Euere Ausstattung mitgenommen oder wurde das dort zur Verfügung gestellt? Wie nahm das „Großstadtpublikum“ die Aufführung an?
Uwe: Wir haben in Hamburg dreimal im Keller vom Komet gespielt, das is ne sau-gemütliche Bar mitten auf St. Pauli.
Es war ne dermaßen geile Woche! Ich liebe dieses Viertel, es is so schön anders als Herbolzheim, wo ich herkomme. War auch witzig, mal zum arbeiten dort zu sein, und nicht nur zum Saufen. Interessant war, das Stück vor Kneipenpublikum zu spielen, und zu sehen, dass es funktioniert. Wir haben viel Lob und Zuspruch kassiert, was uns drei Zentimeter größer nach hause fahren ließ.
Micky: Wie viele Leute außer Euch beiden haben an dem Stück insgesamt mitgearbeitet oder es unterstützt? Was waren Ihre Funktionen/Aufgaben?
Uwe: An „no budget“ hängen noch einige Leute mehr, als man auf den ersten Blick wahrnimmt. Ganz unterschiedliche Leute bringen ihre jeweils speziellen Fähigkeiten dafür ein, alles in diesem „Do it yourself“–Geist. Ich denke, genau so funktioniert Subkultur.
Holgi von Hoessle hat ein arschgeiles Bild- und Tondesign hingelegt, Marc Kirner hat tolle Fotos gemacht, Jenny Gray hat uns super Comics gemalt, Tatjana Adobatti hat die Produktion vom ersten Pinselstrich an begleitet, um jetzt mal nur einige zu nennen.
Ich bin sehr stolz, dass wir es gemeinsam geschafft haben, diesen Bierdeckelplan Wirklichkeit werden zu lassen.
Micky: Wo findet man Info über Aufführungstermine und Inhalt? Wie kann man Kontakt zu Euch aufnehmen? Wo bekommt man Karten?
www.clockwork-theater.de

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7. February 2012

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