Die Goldenen Zitronen im Interview

4. Dezember 2009

Das Interview am 17.9. in Freiburg war wirklich knallharter Punkrock Journalismus: Verkatert aufgewacht, Sachen gepackt, und auf zum fröhlichen Trampen. In Freiburg angekommen, ein großes Export im Walfisch, Zack und weg. Stefan holt mich dort ab, wir fahren zum Jazzhaus, die Zitronen machen noch Soundcheck, also noch Zeit für ein paar kühle TADAA! Hansa-Pilse aus der Dose, ich freu mich riesig, weil ich dachte das gibt es gar nicht mehr (Mittlerweile gibt’s das auch wieder in Konstanz), und lang’ kräftig zu, als Schorsch Kamerun und Ted Gaier dann schließlich bereit sind, haben wir beide schon gut einen im Schecken. Dementsprechend ging es beim Interview zu. Beim Abtippen empfand ich es als Qual uns zuzuhören, trotzdem gut was bei rausgekommen. Dass ich hinterher beim Konzert ein Riesenfass aufgemacht habe und Wissenswertes über Telefonzellen in Freiburg erfahren durfte, steht auf einem anderen Blatt … Jörg Harley

JH: Okay, fangen wir an… Fällt es einem schwerer Lieder zu schreiben die man mitsingen oder die man nicht mitsingen kann?
SK: Die Frage ist anders herum gut gestellt (?) ich glaube es ist ziemlich sicher schwerer Lieder zu machen die man nicht mitsingen kann.
TG: Also mittlerweile find ich es eher andersrum schwieriger. Aber ich finde nicht das es so ist mit dem nicht mitsingen können, denn man kann unsere Lieder mitsingen. Nur weil das in diesem Info da stand…
J: Ja auf dieses Info wollt ich auch hinaus, aber man kann ja durchaus sagen das eure Lieder sperriger geworden sind…
TG: im Vergleich zu wann? Wir hatten ja verschiedene Phasen.
JH: Ja so ab der Fuck you… Das war ja damals schon eine recht experimentelle Platte…
SK und TG: Bitte? Die war doch nicht experimentell
JH: Ja ich meine im Vergleich zu euren anderen Platten zuvor, für die Klientel war die doch schon deutlich abgedriftet, okay das war eigentlich eine klassische Rockplatte.
SK: Eben, die war doch nicht experimentell.
JH: Ja aber so ein paar Sachen, so “Eversex” und das Zeug, sind ja dann schon so ein Schritt in diese Richtung
SK: Ja vielleicht ein bisschen, weil sich das stilistisch ein wenig geändert hat, aber gerade Eversex und so, das ist doch nicht experimentell.
JH: Ich mein das ja so, das bei der Porsche, Genscher… waren das halt alles so klar strukturierte Songs, schmissiger Refrain sofort zum mitgrölen etc. das wurde damals ja schon ein bisschen anspruchsvoller.
SK: Ich konnte die Texte damals nie auswendig…
TG: Ne also das mit dem Mitsingen war damals schon wichtig, so Regierung stürzen, das war ja auch so zum Mitsingen konzipiert. Das war ja das Konzept der Fuck You solche Inhalte über solche Strukturen die man mitsingen kann zu transportieren. Nun ist es aber ja nicht so das man die “Das bisschen Totschlag” nicht mitsingen könnte, das ist ja jetzt nur so, dass da jetzt ein ganz anderer Zusammenhang zwischen dem Pathos von Text und Musik besteht, das dir da das Mitsingen wollen halt auch im Halse stecken bleibt bei der Art von Texten die wir, sagen wir mal seit der Totschlag machen. Wir gehen ja auch davon aus, dass es keinen Erkenntnisgewinn gibt, wenn man sich nur gegenseitig bestätigt.
Bedienung kommt, Zitronen bestellen ihr Essen, (Flädlesuppe, Touris halt…) wir bestellen Bier
JH: Ihr habt auf der Fuck You ja damals dann eher anspruchsvollere Inhalte gehabt, dass ging ja dann auch in so eine szenekritische Haltung über “Dein Oberlippenbart schwitzt im Licht” usw. war das ein schleichender Prozess oder gab es da einen konkreten Moment an dem euch was angekotzt hat?
TG: Es gab eigentlich zwei Momente. Das fing an als wir keinen Bock mehr hatten auf das Funpunk Publikum und als da irgendwas schief gelaufen ist in unserer Aussenwahrnehmung, weil wir diese ganzen Sachen wie “ganz doll Schnaps” das waren ja so Persiflagen auf Saufen, Saufstücke, Bierzelt und so weiter, und ganz schnell so mit der Popularität der Ärzte und der Hosen ist das ja dann zum Massenphänomen geworden, und wir standen halt plötzlich da und waren konfrontiert mit Leuten die wir halt nicht leiden konnten. Schnauzbartträger, Ficken-Bumsen-Blasen T-Shirt Träger, sowieso fast nur Männer, Abend für Abend. Und als Reaktion darauf haben wir ja dann dieses Stück “Schmeiss es weg” gemacht, was dann zeigen sollte wie wir es nicht wollten. Und der andere Einschnitt war ja dann der Mauerfall und der aufkeimende Rassismus in ganz Deutschland, da haben wir dann auch gedacht, da kommt man nicht mehr wirklich weiter wenn man dann Nazis sind Scheisse oder Haut die Nazis platt und so einen Scheiss sagt. Damals hat ja auch niemand so richtig sinnvolle Stücke zu diesem Hoyerswerdakomplex gemacht. Es gab nur moralisch entrüstete oder aggressive Songs, die auch wieder nur ein anderes Autoritätskonzept parat hatten oder eben gar nichts. Oder eben die Lichterketten. Und da haben wir uns eben gedacht, da müsste man einfach mal ein bisschen mehr ausholen. So was wie eine polemische Berichterstattung statt so einem durch pure Emotionalität geprägten Verbalradikalismus.
OK: Hattet ihr damals irgendwelche Nazis im Publikum?
TG: Nee, das nicht. Aber wir wurden öfters mal Ziel der Nazis.
OK: Zu Hause oder wo?
TG: Na ja, wir kannten das ja schon von früher. In Hamburg gabs ja schon Anfang der achtziger ne organisierte Skinheadszene, in Lübeck und so und da kannte man sich schon so ein bisschen aus wie das läuft. Man saß da in der Hafenstrasse teilweise einige Nächte lang mit dem Stuhlbein und hat gewartet bis wieder irgendwelche Glatzen oder BVB Fans kommen und so… Also unvertraut war uns das also nicht.
Allerdings war es uns unvertraut, als dann die Sache nach dem Mauerfall in ganzen Regionen zum Mainstream wurde. Was sie übrigens heute noch in weiten Teilen von Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg ist. Es ist teilweise so, ich weiss das unter Anderem aus eigener Anschauung, das da teilweise in den Dörfern alle Leute unter dreissig ne Glatze tragen, das hab ich erlebt! Wir persönlich wurden im Frühjahr 1991 in Hoyerswerda attackiert von Glatzen, die uns den Bus komplett kaputtgehauen haben und uns auch fast erwischt hätten. Das war noch ein halbes Jahr bevor Hoyerswerda durch diese ganzen Pogrome, die dann dort stattfanden, bekannt wurde. Also wir waren da schon vorgewarnt und konnten uns ein eigenes Bild machen was eigentlich so abgeht in diesem vereinten Deutschland. Und dann haben wir halt damit angefangen diese Berichterstattungsstruktur miteinzubauen, also so bei 80 Millionen Hooligans und dann bei dieser Hip-Hop-Maxi “Die Bürger von Hoyerswerda” aus der dann später “Die Bürger von Rostock…” auf der Totschlag wurde, bis hin zu “Flimmern“, was ja auch so in dieser Art ist.
OK:  Glaubt ihr, damit was erreichen zu können, die Songs sind ja nicht so gemacht, dass sie zu diesen Leuten durchdringen.
TG: Nein. Aber das sollte man sich ja nicht fragen, wen man damit erreicht, sondern man sollte halt sagen was man sagen will, und dann sieht man ja ob man jemand erreicht.
SK: Ja jetzt guck dich an, du musst ja auch irgendwie zu deiner Einstellung gekommen sein, durch Musik, Subkultur, da guckt man halt schon mal hin. Und wir machen das ja genauso, wir transportieren Inhalte durch Kunst, durch Musik. Und vielleicht erreicht man ja dann ein paar Leute mit seinen Inhalten, die dann darüber zu irgendwelchen Überlegungen kommen.  Das kann ja schon sein, es ist jetzt nicht so dass wir jetzt durch Kunst groß die Dinge verändern oder ne Bewegung starten, das nicht.  Ich mein ich bin so als Punk schon auch politisiert worden so von gewissen Fraktionen des Punk, so englische Bands, Crass und so. Da hab ich dann mal angefangen nachzudenken, aber das ging damals aber auch erst mal über die Musik.
JH: Darauf wollte ich hinaus, war das eigentlich ein ganz  bewusster und zwangsläufiger Prozess dass mit eurer  Politisierung ein Musikwechsel vollzogen wurde?
SK: Also wie der Ted schon meinte, das ging Hand in Hand
Bedienung kommt und eröffnet Schorsch dass der bestellte Lachs ausgegangen sei, er studiert daraufhin die Speisekarte, Ted Gaier übernimmt das Ruder.
TG: Ja mit der Politisierung war das damals so eine Sache, wir kamen ja aus einer sehr politischen Szene, aber wir fanden dann halt auch die Vermittlung von solchen politischen Inhalten irgendwie blöd, ich meine wir waren schon gegen Major-Companies und so, aber die ständige Wiederholung von den gleichen Parolen fanden wir langweilig, weil das ja eigentlich schon immer klar war. Das war auch mein Problem mit Slime, die fand ich eigentlich immer überflüssig, vor allem die Texte völlig sinnlos, obwohl das geiler Punkrock war. Das war ja alles vor dem Mauerfall, so bevor die Rechte dann so in den bürgerlichen Mainstream überging, und wir hatten da unsere kleine heile AJZ-Welt, oder besetzte Häuser in denen wir gespielt haben in der die Leute sowieso Bescheid wussten, da fand ich das dann relativ überflüssig Texte über Politik zu machen. Und bestimmte Inhalte haben wir ja sowieso immer vertreten, so was wie nie zum Major zu gehen etc., was wir ja bis heute gemacht haben.
JH: Ja aber war das ganze damals eher ein politischer Prozess, oder habt ihr irgendwann einfach keinen Bock mehr auf, sagen wir jetzt mal um euer Info zu zitieren, klassische Rockstrukturen gehabt und habt euch dann halt an Bands wie zum Beispiel Gang of Four oder so orientiert die sich auch immer experimentell verändert haben?
TG: Wenn man über so was heute redet, dann sieht man das natürlich weitaus reflektierter als man das damals gesehen hat. Für mich ging das damals Hand in Hand. Zum einen wollten wir halt wirklich nichts mit diesem Hosen-Publikum zu tun haben. Mit diesem ganzen Milieu das dort entstanden ist. Und um sich klar davon abzugrenzen ist halt nötig, dass man sich musikalisch irgendwie behauptet, und schaut, dass man kein Sklave wird der Erwartungen dieser Vollidioten.  Auf der Fuck You haben wir das halt in Richtung unserer eigenen musikalischen Sozialisation hin erweitert, so Glamrock und so ein bisschen experimentieren in verschiedene Richtungen. Und auf dem Weg zu einem eigen Ausdruck haben wir dann, halt auch überlegt wie wir Texte rüberbringen die Sinn machen, ich meine so einen Text wie Totschlag den kannst du nicht über irgendein Rockstück singen, das geht halt nur in Orientierung in Richtung Hip-Hop oder Liedermachern, das war jedenfalls unsere Meinung. Und dann in Verbindung zu unseren damaligen musikalischen Einflüssen wie Sixties und so kam dann halt so was wie die Totschlag Platte dabei heraus. Und damit haben wir uns halt so irgendwie freigeschwommen. Ich finde wir haben jetzt eine Form gefunden, ich meine des Textens und Komponierens die da so ziemlich einmalig dasteht um das so rüberzubringen.
OK: Das gabs im Hardcorepunk aber auch, bei …But Alive zum Beispiel!
JH: Das bringt mich ja auch gleich zur nächsten Frage, wie steht ihr denn zu Bands die über Jahre hinweg ihre musikalische Form beibehalten haben, sind die in euren Augen auf irgendeinem Entwicklungspunkt stehengeblieben?
SK: Musikalisch ja schon. Aber das ist ja auch bewusst so. Die wollen bewusst ihren Stil beibehalten. Das ist ja auch meinetwegen in Ordnung, aber für uns kam das nicht in Frage.
TG: Wir haben letztens auf einem Festival mit Sick of it All gespielt, hehe. Die waren ja total gaga. Haben oben auf der Bühne Pogo getanzt.
SK: Das war total amüsant. Ich meine die haben sich kein bisschen verändert, wirklich so gar nicht. Aber ja, gut, muss es auch geben. Vielleicht um das alles auch für die Nachwelt zu erhalten, so wie die Oper, haha. Aber ich würde mich da echt irgendwann langweilen. Ich meine so ein Punksong… Ich glaube irgendwann hat man das dann mal begriffen. Aber ist ja okay, nur für uns kam das auf keinen Fall in Frage, sonst würde es die Band nicht mehr geben.
OK: Darf ich fragen wie alt ihr seid?
TG: 42 | SK: Anfang 40
OK: Kriegt man da nicht manchmal so einen Flashback noch mal einfach so nen coolen Punkrocksong zu machen?
SK: Kennst du unsere neue Platte? Da ist doch ein Punksong drauf! (Anm.: Ich glaube er meint „Mickeyrourkeske“) Ausserdem ist das doch gar nicht so unpunkig wie wir spielen!!!
OK: Ja aber ich mein ja eher so das Gefühl: Du stehst auf, bist angekotzt und schreibst nen einfach strukturierten, eingängigen Punkrocksong, der ins Tanzbein geht?
SK: Ja wir machen das doch auch so: Wir stehen auf und machen Lärm, aber es muss ja nicht immer der gleiche Lärm sein!! Oder die gleichen Akkorde haben.
JH: Also in meinem Musikbuch in der Schule über Punk stand damals drin, das die Musiker stolz darauf wären dass sie nur Krach machen.
SK: Teilweise machen wir ja auch ziemlich dilettantische Musik mit einfachsten Strukturen, wo einer einfach zwei Minuten auf einem Ton rumhaut.
OK: Ja aber nimm mal irgendeinen zufälligen Krach auf und wiederhol ihn mal …
TG: Das haben wir ja auch so als Arbeitsweise eingeführt. Seit 4 bis 5 Platten nehmen wir unsere spontanen Sessions immer auf Mini-Disc oder so auf und basteln dann daraus unsere Stücke.
JH: Gibt es eigentlich noch das Problem, dass euer Publikum irgendwelche alten Stücke fordert?
SK: Das kommt so gut wie gar nicht mehr vor, ab und zu stehen da noch 4 oder 5 Personen oder so und wollen dann was hören aber ganz selten
JH: Ja macht ihr das dann auch?
TG: Nee, gar nicht, auf der Jubiläumsveranstaltung zum 18. Geburtstag der Band haben wir ein paar alte Lieder gespielt, aber da waren auch viele Leute da, die persönlich daran beteiligt waren.
JH: Sind eure alten Stücke euch denn peinlich?
SK: Nein, das nicht, es klingt nur unglaublich fremd, ich mein, oh Gott was ich da singe…
OK: Und wenn ich denn jetzt so ein Stück wie Heinrich Brinkmann hören wollte?
TG: Ja das ist ja schon aus der Übergangsphase, das würden wir durchaus spielen. Ich meine die alte Zeit ist für mich schon abgeschlossen mit der Mallorca
SK: In unserer Straße da ist heute nichts los, wir hängen hier rum Langeweile ist groß… Ja, das haben wir vielleicht damals so empfunden, und das ist ja auch voll in Ordnung, und damit vielleicht auch ein Lebensgefühl ausgedrückt. Und das war ja schon was anderes als wie es heute vielleicht klingt. Wir haben ja damals auch ständig so Schlager und Countrysachen eingebaut, dass hat sich für uns damals dann auch schon so ein bisschen anders als die herkömmliche Punkrockschiene angefühlt. Trotzdem hab ich heute keine Lust mehr drauf solche Texte zu singen. Auch dieses St. Pauli hochleben lassen und so… Da darf man aber nicht vergessen, dass es das so noch gar nicht gab damals, aber heute würde das ja keinen Sinn mehr machen und wäre ein bisschen wenig. Ich glaube auch nicht das wir damals wesentlich unreflektierter an die Dinge herangegangen sind, das hatte schon zu tun mit der Bewegung oder was auch immer wo man sich bewegt hat. Da war auch das wie man rumgelaufen ist noch irgendwie attraktiv, während das heute ja auch auf dem Schlagermove oder so getragen wird.
Und wenn wir heute noch so rüberkommen würde , dann würden die Leute halt sagen kuck mal die Schlager Punks. Aber das konnte man damals ja nicht wissen, dass das so eine Entwicklung nimmt. Das ganze wäre heute also völlig absurd.
OK: Na ja, dann müsstet ihr heute vor dem St. Pauli Spiel auftreten und Reinhold Beckmann die Hand geben
SK: Wir hatten genug Möglichkeiten genau so was zu machen.
TG: Gegen solche Verbrüderungen haben wir uns schon immer vehement gewehrt. Auch so dieses Für immer Punk, das haben wir nie live gespielt, das war mehr so ein Gag für uns. Wir hätten nicht gedacht, dass das immer mystischer wird, je länger das jetzt her ist. Ich meine für so 13- 15 jährige Punker ist das halt so ne Hymne.
OK: Aber denen könnt ihrs ja auch zugestehen …
TG: Ja das ist ja auch voll okay. Wir verkaufen die Platten ja auch weiterhin. Komischerweise verkaufen wir immer noch extrem viel jedes Jahr von diesen Platten, und mittlerweile unterscheiden die Leute zwischen dieser Platte und uns, das find ich sehr gut für uns, vor allem weil die dann nicht deswegen auf die Konzerte kommen.
Es gab mal so ne Zeit, ne ganze Weile lang, da warn wir beide nicht mit den Konzerten zufrieden, das Publikum und wir.
JH: Inwiefern hat sich das geäußert, gab es da auch irgendwelche Übergriffe?
SK: Die stimmen diese Chöre an…
TG: Es gab da irgendwann mal in Krefeld, 94, da war echt so ein Pulk von 30 Idiotenpunkern da die uns irgendwie Verrat und Kommerz vorgeworfen haben… Das war völlig absurd, zu der Zeit.
OK: Vor allem mit der Musik kommerziell zu sein…
TG: Hähä, ja eben. Wir hatten damals echt so Angebote, so wenn wir die alte Setliste spielen kriegen wir so Gagen von, was war das damals, 5000 Mark oder so pro Abend. Das war alles so gaga, also wir hatten da schon echt blöde Erlebnisse.
JH: Jetzt ist es ja so, dass ihr so was wie ne Institution in einer, ich sag mal linken Musikszene seid, da ihr ja quasi den Stecker gezogen habt bevor ihr kommerziell wurdet. Andere Bands gehen ja zum Major und behaupten auf diese Weise mehr Leute damit zu erreichen. Ihr hingegen seit damit ja eher auf ein intellektuelles Publikum festgenagelt oder?
SK: Würde ich gar nicht so sagen. Ich meine auf unseren Konzerten kann man auch ganz normal tanzen. Intellektuell, das ist so ein Wort, das begrenzt immer so.
JH: Ich meine habt ihr als Band deren Musik ja eher weniger den typischen Hörgewohnheiten des Durchschnittskonsumenten entspricht, nicht manchmal das Problem nur vor Leuten zu spielen denen ihr sowieso nichts mehr erzählen müsst?
TG: Nee, überhaupt nicht. Das finde ich gar nicht. Gerade in den letzten Jahren spielen wir immer wieder vor ziemlich jungem Publikum. Aber du musst da schon klar unterscheiden wie du das meinst, ob so intellektuell vs. Proletarisch oder eher so jung gegen alt?
JH: Ich mein schon eher intellektuell vs. Proletarisch.
OK: Ich bin ja auch eher der Proletarier und mag dennoch, das was ihr macht. Aber wenn ich dann euer Info durchlese, muss ich es ehrlich gesagt mindestens dreimal tun um alles zu verstehen, weil da auch öfters die basis oder der Backround fehlt …
SK: Das hat aber mit einer ganz bestimmten Praxis zu tun, die wir uns über die Zeit angeeignet haben. Wenn du was so lange machst, dann kommst du da halt besser hin, man kann sowas ja auch lernen. Natürlich bewegen wir uns auch auf einem, so für uns, Spezialgebiet, aber wir wollten für uns jetzt nie sowas wie Avantgarde darstellen. Den Anspruch hatten wir nie. Das war für uns einfach ein natürlicher Weg, wir haben da so registriert und darauf reagiert was so vor und neben uns lag. Da sind wir halt irgendwo gelandet.
OK: Stell ich mir vor, ich hätte diesen Hintergrund wie ihr und sehe dann nur so Leute, die mich verstehen im Publikum, ich würde wohl von der Bühne kotzen…
SK: Also, gerade in Zürich letzte Woche, kleiner Keller so 350 Leute, da war richtig Pogo, sehr viele junge Menschen, sehr unterschiedlich.
TG: Das könnte natürlich schon so eine Barriere sein, so dass zu unseren Konzerten nur so dreadlockige globalisierungskritische dreadlockige Lehrerkinder gehen, in einer bestimmten Altersstufe, statt Proll-Kids, dass kann natürlich so sein.
OK: Aber ich meine es gibt ja auch einige, ich nehm mich mal ganz bescheiden aus, intelligente Proll-Kids, die schließt ihr damit ja vollkommen aus…
SK: Ja, dann ist das ebenso, was sollen wir machen?
TG: Ich weiss nicht ob das ne Klassenfrage ist. Wir hören das ja öfter, dass die Leute sagen, gerade aus der Punk-Szene, ja wir finden das schon alles okay, auch eure Entwicklung und so, aber was sollen eure Texte, wer soll das noch verstehen, ist doch nur Intellektuellen-Scheiß. Und da würde ich mich einfach vehement wehren. Klar sind wir beim Texten bestimmte Wege gegangen, die immer assoziativer wurden, und klar kann es sein das da mal so eine Barriere kommt, ich versteh den einen Satz nicht und denke dann ich versteh den ganzen Text nicht. Das ist dann so ne Stelle wo so eine Klassenfrage ansetzt, wenn so Proll Leute abgeschreckt sind von Kunst weil sie meinen sie müssten es verstehen aber sie verstehen es nicht. Aber so ist das ja gar nicht. Bei Kunst geht es doch gar nicht darum das alles irgendwie verstanden werden muss.
OK: Ja ich weiss was du meinst…
TG: Man kann ja  nicht sein eigenes Niveau einfach runterschrauben, es ist ja nicht elitär gemeint. Aber ich denke, dass wer mit einem offenen Auge durch die Welt geht der braucht keine großen Grundkenntnisse um die Texte zu verstehen, mit der Offenheit und dem Selbstvertrauen, dass das jetzt nicht so die abgehobenen Oberschlaumeier sind die das formulieren, und man nicht alle möglichen Seitenaspekte wissen muss um das zu kapieren. Wir probieren diese Schranken ja auch abzubauen mit unseren Eintritts- und Plattenpreisen.
OK: Heute langt ihr mit 12 € aber tüchtig zu …
TG: Ist aber niedriger als sonst hier bei den Konzerten, aber das Jazzhaus ist eh ne merkwürdige Angelegenheit
OK: Na ja ihr hättet auch im Walfisch spielen können…
TG: Früher haben wir immer im Cräsh gespielt…
SK: Gibts das noch? Ich mein ich habs gesehen, aber geht da noch was?
OK: Na ja, ist halt eher so was für Discogänger und Anabolika verseuchte Stino-HC Typen, den roten Stern im Logo hat es auf alle Fälle nicht mehr verdient!
JH: Ihr habt so ein Lied auf eurer neuen Platte in dem es um den Bürgermeister geht, der zum Tocotronic Konzert geht… Beruht das auf einer wahren Begebenheit?
TG: Ja das ist wahr. Der wollte dahin, weil es seine Lieblingsband ist wie er oftmals schon medienwirksam gesagt hat. Auch das andere in dem Text ist wahr. Aber so ist das nun mal als Kulturschaffender Anfang 40, gerade wenn man manchmal Theater macht.
JH: Genau darauf wollte ich hinaus, ich weiss das Schorsch ja auch als Regisseur beim Theater ist, und ihr euch persönlich als linksradikale Künstler versteht, besteht denn da nicht die Gefahr, das ihr euch von Leuten dulden lassen müsst gegen die ihr eigenlich angeht, oder die sich mit euch schmücken, quasi als radikales Aushängeschild zur Imagepflege?
SK: Ja, die gibt es. Trotzdem, solange man keiner Zensur unterliegt macht mir das nicht besonders viel aus, da hab ich keine Bedenken. Da kommt auch niemand und sagt das ist jetzt zu abwegig oder zu radikal oder so. Das gibt es schon. Das ist aber eher allgemein ein Problem im Kunstbetrieb. Da gehst du ins Museum und da ist dann immer irgendwie Jonathan Meese Geschmiere an der Wand. Das ist heute halt so. Früher war es für radikale Ansätze einfach viel schwieriger, die brauchten Ewigkeiten bis sie mal ins Museum kamen, heute macht man damit Werbung oder geht direkt ins Museum oder ins Theater.
TG: Der Text meint ja dass man sich auch komisch fühlt, nimm zum Beispiel mal Daniel Richter, der unser Cover (Anm.: Das Cover zur aktuellen „Lenin“ Platte der Zitronen ziert das Daniel Richter Gemälde „Lonely old slogan“) gemacht hat ist heute einer der gefragtesten Maler der Welt. Und das war einer der eigentlich 10 Jahre nur vom Sozi gelebt und Glatzen verprügelt hat. Aber davon kann man ja nicht wirklich leben, und wenn man nun mal ein Künstler ist, will man ja auch irgendwie vorankommen, und dann landet man halt schließlich irgendwann in der Galerie oder in irgendeinem Restaurant wo einem dann der Wowereit gegenübersitzt. Und dann ist halt nicht mehr der Zeitpunkt wo du dem ein Glas Bier ins Gesicht schüttest, was du vielleicht in einer anderen Konstellation vor 10 Jahren noch so gemacht hättest, weil das in dieser neuen Situation irgendwie voll lächerlich wäre. Das isthalt so der Aspekt, also zum Beispiel meine Frau, die spielt bei den Chicks on Speed, die haben da so in Norwegen gespielt, und dann stand da backstage auf einmal der Prinz rum und gratuliert zum geilen Konzert, ich mein was willst du da sagen, wenn der halt auch auf Electro-Clash steht? Wir wollten das auch nicht verschweigen, es ist halt irgendwie ein Paradox. Und ich finde das ist auch ein gutes Bild dafür wie schwierig es ist in der Postmoderne gewisse ideologische Fronten aufrechtzuerhalten. Ich kenne zum Beispiel auch viele Leute die seit Jahren knallharte Polit-Arbeit zum Beispiel bei der roten Hilfe abliefern, aber im normalen Job Journalist bei der Max oder so sind, weil die sich halt auch duchschlagen müssen. Das ist ja das traurige an der Sache, das sich das so eingeengt hat, denk mal an die Siebziger, so Ton Steine Scherben mässig, wir bauen uns jetzt eine Alternativwelt auf, mahlen unsere Körner selber, so geht das heute nicht mehr.
JH: Okay was ganz anderes, was hören die Goldenen Zitronen denn eigentlich selber in den sonnigen Momenten es Lebens?
TG: Also ich höre sehr gerne Free Jazz beim Abwaschen, aber ich glaube wir sind da in der Band relativ gut durchgewürfelt.
SK: Ich kann zum Beispiel das ganze Zeug aus dem Pop/Rock Bereich nicht mehr hören, fehlt mir die Lust zu.
OK: Wir meinen jetzt eigentlich so gewisse Lebensmomente, so ich wach auf, alles tralala und so, da könnt ihr mir jetzt nicht erzählen, dass ihr jetzt sowas wie „Economy Class“ auflegt…
TG: Höhö, ja das eigene Zeug ja sowieso nicht. Aber das ist ein lustiges Phänomen. Wir werden ja sehr respektiert in den letzten Jahren, alle sagen immer, coole Platte habt ihr da am Start und so… Aber wir kommen halt nie in die Kneipe irgendwo und da läuft dann die Economy Class oder die Lenin oder so. Das passiert einfach nicht. Ich war auch noch nie bei jemand zum essen, wo dann die Totschlag lief oder so…
Aber wenn ich da jetzt so was sage dann klingt das alles so elitär, zum Beispiel höre ich sehr gerne Schostakovitsch (Anm.: Russischer Avantgarde Komponist 1906-1975), find ich voll gut, zwar anstrengend und dark aber, gut, das klingt jetzt als wäre sich der Gaier zu schade für meinetwegen Damned oder sowas…
SK: Haha, ich mein ich hör ab und zu schon noch Damned, aber irgendwann hat man da auch mal genug von und so…
OK: Aber ihr hört schon auch mal fröhlichere Musik.
TG: Ja klar es ist ja nicht so dass wir jetzt nur so mega abgefahrenes Zeug gut finden, ich liebe zum Beispiel auch die Carpenters oder Queen, die schlimmst Musik der Siebziger Jahre überhaupt. Die Carpenters, die triefen ja nur so vor Fett …
Die Bedienung bringt das Essen und wir stellen den Herren noch einige kleinere Fragen, die hier jedoch aus Achtung vor den Schamgefühlen unserer Leser diskret verschwiegen werden sollen, da der Alkoholspiegel doch zu einem bedenklicheren Ausmaß fortgeschritten war. Konzert hinterher war super, Stefan und ich super betrunken, ich habe meinen Rucksack verloren (Mittlerweile wieder aufgetaucht!!!) und danach die Orientierung, hab mich dann irgendwo in Freiburg Herdern verlaufen, und mich daraufhin mangels besserer Möglichkeiten in einer Telefonzelle zum Schlafen gelegt… War aber ein super Abend, ich schwöre!!!
Jörg Harley

Das Interview wurde leicht gekürzt, die komplette Version ist unter www.pankerknacker.com nachzulesen.

1 Kommentar

  • der bussi (-bizar)
    18. Dezember 2009

    hey,mal wieder sehr gutes interview!
    fragen,aber auch die antworten der zitronen!
    ich mag immer noch ihre ersten platten lieber,und hab sie letztens in hamburg gesehen…
    publikum und ich haben uns nicht verstanden,und die zitronen waren ohne drogen genommen zu haben auch nicht wirklich gut…
    ich mag halt abstrakte kunst nur begrenzt!
    aber im interview doch alles sehr nachzuvollziehen!

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7. February 2012

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