HYPRID CHILDREN im Interview

31. März 2010

Wir sind den ganzen Tag durch Berlin gewandert, wir haben den ganzen Tag gesoffen, sowie natürlich gestern Nacht, während dem Konzert! Wir sind müde aber glücklich und haben das Gefühl die Party könnte noch ewig andauern als wir, gestärkt durch eine Currywurst, schließlich in die Oranienstrasse einbiegen um uns eine stille und gemütliche Kneipe zum hinsetzen und labern suchen. (Und zum trinken natürlich…) Ich bin unterwegs mit Jasse und Saska, die beide sichtlich das Kreuzberger Nachtleben in einer erstaunlich warmen Novembernacht genießen. Wir bestellen uns ein paar Bier und dann kann es auch schon losgehen…

KiKi: Ich hab unglaublich positive Reviews über euer neues Album, Fight as one gelesen, es wurde allgemein als euer bisher bestes abgefeiert. Welche Umstände machten es möglich ein solches Meisterstück rauszuhauen? Und was hat sich seitdem bei euch verändert?
JASSE: Ich denke es ist die Tatsache, dass Fight as one keine wirklichen Durchhänger aufweist, die Songs sind alle aus einem Guss, gehören quasi alle der gleichen Familie an. Es hat viel damit zu tun, dass wir unseren Schlagzeuger gewechselt haben. Kartsa war mehr ein Metal Drummer, während Saska aus dem Rock’n Roll Bereich kommt, dass erleichterte mir das Songwriting ungemein, weil ich genau weiss was und wie er spielt. Wir habenschon als Kinder zusammen gespielt. Niemand hat uns irgendetwas beigebracht, deshalb mussten wir unsere eigenen Songs schreiben, wir konnten noch nicht mal Ramones Songs spielen, obwohl wir die Ramones liebten…

KIKI: Im Text zu “These are the moments I’m living in” singst du “God forgives, never understands”. Glaubst du persönlich an Gott und wenn ja was bedeutet er dir?
JASSE: Wir haben das schon oft gemeinsam diskutiert… Na ja ich muss zugeben, ich glaube an Gott. Ich weiss nicht, ob das jetzt so ne spirituelle Sache oder Person ist, aber ja ich glaube an eine höhere Macht. Ich glaube auch an Schicksal, allerdings glaube ich auch, dass jeder sein Schicksal selbst beeinflussen kann, das ist etwas schwierig zu erklären. Ich denke man glaubt an irgendetwas um nicht so ziellos durchs Leben zu irren und sich bedeutungslos vorzukommen…
SASKA: Ja, wir glauben an etwas, ich habe keine Ahnung wie es aussieht, aber man fühlt sich auf jeden Fall etwas sicherer.

KiKi: In eurem Song “Fire always burns in us” gibt es eine Hommage an Joe Strummer. Was repräsentiert er für euch?
JASSE: Ich glaube ich wurde durch eine Nachrichtensendung die ich auf BBC gesehen habe inspiriert. In Russland gab es irgendwelche Separatisten und daraufhin wurden einige Bomben in London gezündet, in Ealing nämlich, wo Saska mal gelebt hat. Irgendwie kam mir dann in den Sinn: Russian clashes, London bombs, ich dachte das hört sich cool an. Ich also schreib es auf und dann kam etwas wie London bombs, London calling, raus, bombs ließ sich gut auf strums reimen, dann kam ich auf Strummer, das alles kam so innerhalb 5 Minuten, irgendwann macht es Klick und dann passt es irgendwie und ein Bild entsteht in deinem Kopf.

KIKI: Stichwort Gesellschaftskritik. In “Fight as one” singt ihr über Kämpfe und Riots. Gibt es in diesem Song, oder generell in eurer Musik einen politischen Hintergrund?
JASSE: Nein. Absolut nicht. Es gibt keine politischen Statements in unserer Musik. Alles spielt sich auf einem persönlichen Level ab und spiegelt wieder was du denkst oder was ich denke. Es gibt in keinem Fall eine politische Intention, ich interessiere mich nicht für Politik.

KIKI: Denkst du eine klare politische Seite ist immer noch ein wichtiger Aspekt von Punk im Jahre 2009?
JASSE: Ich will ehrlich sein: Ich habe keine Ahnung. Ich habe keine Ahnung was im Punkrock passiert. Für mich wird Punkrock nach wie vor durch Social Distortions „Sex, love and Rock’n Roll“ repräsentiert. Vielleicht klingt das jetzt wie ein Klischee, superblöd oder völlig antiquiert, aber ich sehe mich als Old School Punkrocker. Ich weiss, dass es diese politische Seite im Punk auch gibt, aber für mich war Punk niemals politisch. Ich liebe the Clash und die Pistols, aber ich habe bis heute keinen politischen Aspekt bei den Sex Pistols gefunden.

SASKA: Jeder hat seine eigene Meinung darüber. Für mich bedeutet Punk Rock die Freiheit das zu tun was du willst. Wenn jemand Jurist werden will ist das für mich genauso Punkrock, also wenn du es wirklich machen willst meine ich, wie jemand der einfach nur rumhängen und Bier trinken will. Ich denke es geht in erster Linie darum seinen eigenen Kopf zu haben und so zu leben wie du es für richtig hältst. Und wenn wir mal ehrlich sind ist Punkrock in erster Linie Musik.

KIKI: Ich frage, weil die Punkszene in Berlin sehr politisch ist und es mich interessieren würde wie es im Vergleich dazu in Finnland abgeht. Denkt ihr, dass Politik in der Deutschen Szene wichtiger ist als in der Finnischen?
JASSE: Es ist genau wie ich gesagt habe, keine Ahnung, aber ich denke man kann vorraussetzen, dass jeder halbwegs intelligente Mensch weiss, dass es richtig ist gegen Nazis und Faschismus zu sein und so ist es auch in Finnland.
SASKA: Ich denke die Politik ist hier weitaus wichtiger als in Finnland.

KIKI: Ich habe gelesen, dass das Album, dass dein Leben verändert und dich zu dem gemacht hat was du bist „Never mind the Bollocks“ von den Sex Pistols war, wie für viele Andere bis heute immer noch… Was denkst du ist der Unterschied im Jahr 2009 ein „Eastsider Outsider“ zu sein im Vergleich zu deiner Teenagerzeit? Was sind deiner Ansicht nach die gravierendsten Unterschiede was Musik, Gesellschaft und Style anbelangt?
JASSE: Punkrock hat mir damals so etwas wie eine Identität verliehen und außerdem hat er dafür gesorgt, dass mir bewusst wurde, dass es auch noch andere gibt, die sich bewusst ausgrenzen wollen. Und ich denke das wird sich weder im Jahr 2009 noch im Jahr 2010 ändern, gesetzt den Fall die Welt existiert dann noch… Die Kids wachsen heute in ganz anderen kulturellen Kontexten auf, hören ganz andere Musik, deshalb bin ich mir nicht sicher ob Never mind the Bollocks heutzutage für sie das Selbe darstellen kann wie für mich damals. Heutzutage kommt rebellische Musik in Finnland vornehmlich aus dem Hip-Hop Bereich, die Art von Hip-Hop die die Kids zu Hause am Laptop produzieren, also aus dem echten Untergrund, nicht diese Pimp-Scheiße aus Übersee. Diese Szene hat heutzutage wahrscheinlich die Funktion übernommen die Punkrock damals für mich hatte als ich jung war: Rebellion gegen das System und hochpolitisch. Hip-Hop selbst gefällt mir persönlich überhaupt nicht, die Musik geht mir am Arsch vorbei, aber die Texte und die Attitüde lassen sich meiner Meinung nach sehr gut mit dem Lebensgefühl der Endsiebziger Punkbands vergleichen. Ich habe außerdem gehört, dass für die meisten dieser Jungs finnischer Punkrock ein entscheidender Einfluss war.

KIKI: Ok Jungs, nun würde ich mit euch gerne über die Texte auf eurem neuen Album reden. Mir ist aufgefallen, dass sich die Texte von Fight as one völlig von denen auf dem Vorgängeralbum unterscheiden. In einigen Songs klingt Kritik an der modernen Gesellschaft durch, an all ihren negativen Aspekten und Widersprüchen. Allerdings hat sich diese Attitüde mehr zu persönlichen Themen hin verlagert: Es gibt immer noch ein starkes Gefühl der Rebellion, eine Aufforderung nicht alles hinzunehmen und für seine Ideale einzustehen, aber dabei nicht die Möglichkeiten und die Freuden die das Leben so bietet zu vergessen. Woher nehmt ihr die Kraft und die Energie diese unterschiedlichen Ansätze immer unter einen Hut zu bringen?
JASSE: Wenn ich ehrlich bin finde ich diese Kraft moistens gar nicht. Ich muss immer eine große Menge an mentaler Energie aufwenden um diese Kraft aufzubringen und deshalb schreibe ich auch darüber. Ich erzähl mir wieder und wieder, dass es unzählige schlechte Tage gibt und es allein an mir liegt wie man damit umgeht und es schafft trotzdem weiterzumachen. Wenn du älter wirst, hast du meistens so viele beschissene Dinge gehört und gesehen die deinen Freunden und Mitmenschen passiert sind, dass du langsam aber sicher die Hoffnung verlierst und nach und nach zu einem unverbesserlichen Pessimisten mutierst. Ich probiere dagegen anzukämpfen und versuche jeden Tag von diesem pessimistischen Weg abzurücken, deshalb höre ich auch keine depressive Musik mehr, wie beispielsweise finnischen Heavy Metal, der sehr düster und deprimierend ist. Aber du solltest mal die ersten Versionen von all diesen Texten lesen, die sind mal richtig hoffnungslos! Aber ich setz mich dann hin und ändere sie und versuche den ganzen Pessimismus in ihnen konsequent auszuradieren…
SASKA: Ich denke auch das gerade der Name der Platte, “Fight as one” suggeriert, dass du nicht auf dich allein gestellt bist und gegen alles was dich runterzieht ankämpfen solltest! Wenn du allein bist du nicht stark, aber wenn du mit Freunden oder Personen die dir nahestehen zusammen bist, macht dich das stark und du kannst endlich glücklich sein. Es geht nicht ums Kämpfen im Sinne des eigentlichen Wortes, der Kampf ist in diesem Fall einfach eine Metapher für das alltägliche Leben.

KIKI: Wir würden gerne etwas über die Punkszene in Helsinki erfahren. Gibt’s da überhaupt Punks? Was heisst es im Jahr 2009 ein Punk in Helsinki zu sein? Wie hat sich die Szene seit deiner Teenagerzeit verändert?
JASSE: Ich denke die ist ziemlich zersplittet, ungefähr so wie wir das vorher bei diesem Hip-Hop Ding beschrieben haben. Die Punkrocker die es momentan in Helsinki gibt stellen nur eine sehr kleine Gruppe dar. Ich denke die ganze junge Subkulter wird mittlerweile von solchen kleinen Gruppen aus gesteuert. Es gibt ja nach wie vor diese ganze Punkethik von wegen gegen Nazis und gegen den Staat und all das, aber es unterscheidet sich doch eklatant von der Zeit in der Punk damals als Bewegung aufkam. Es ist ein Unterschied wie Tag und Nacht! Zu der Zeit damals haben sich die Punks und die Teds/Rockabillies bis auf Blut bekämpft. Das war in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern und die Leute haben sich teilweise untereinander abgestochen, ein paar Kids sind damals sogar gestorben, das war echt ne ernste Angelegenheit.
SASKA: Das passiert heutzutage natürlich nicht mehr, aber andererseits hat sich an der grundsätzlichen Sache nicht viel geändert, außer das heute vielleicht sogar die Eltern der 15 jährigen selbst Punkrocker sind…

KIKI: Gibt es irgendeine neue, junge finnische Band die ihr unseren deutschen Lesern vielleicht empfehlen möchtet?
JASSE: The Capital Beat, wenn ihr auf Ska und Reggae steht. Das ist die Band von Juho.
SASKA: The Over Attacks, Ihmispesuri. Das ist eine finnische Hardcorepunkband und Jasse spielt dort Schlagzeug.

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7. February 2012

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