New York Dolls im Interview

4. Dezember 2009

Waaaas? Die Dolls bringen ne neue Platte raus und planen eine Europa Tour??
Ein mittelschwacher Schock überkam mich, als ich folgendes in einem dieser Kiosk-Musik-Magazine wie Rolling Stone/ Visions oder wie sie alle heißen im Bahnhofsbuchshop für Gelangweilte überflog. Zum einen, schockiert aufgrund der Tatsache, dass eine der größte und bezauberndste Rock and Roll Formation ihre verstaubten Gitarren aus den muffigen Kellern holt, um der Welt zu zeigen, wie Rock and Roll nach wie vor zu klingen hat und zum anderen schockiert über das Promophoto der alten Götter (tja liebe Leute, auch der größte Künstler wird alt und grau, auch wenn er glaubt sich mit seinen Werken unsterblich zu machen), zu denen außerdem gerade mal noch 2 Orginaldolls dazuzählen und welche beiden den Altersdurchschnitt der „neuen“ Dolls heftigst nach oben katapultierten. Fragen türmten sich auf Zweifel. Im selben Moment plagte mich wie wohl jeden die Ungewissheit.
Haben diese 5 Gestalten überhaupt das Recht sich Dolls zu bezeichnen, sind sie sich ihrer Sache überhaupt bewusst und nehmen es in Kauf ihren eigenen Mythos, im Zweifelfalle, zu zerstören??

Ich stellte das Heft zurück und hinterließ es mitsamt meinen bekloppten Fragen in diesem Drecksladen. Mein Interesse war vorerst gestillt.
So nun sind schon wieder ein paar Monate dahin und die ehrenwerten NewYorkDolls versuchen sich gerade bei der Umsetzung ihrer Pläne: der Europatour. Und da die Pankerknacker-Redaktion weder Kosten, noch Mühe scheut, wurden Konzertkarten und Interviewtermin kurzum vorreserviert. Und so ging es an dem folgendem Freitag den 13., mit einer beladenen Karre gespannter Rock´n´Roll-Veteranen in die beschauliche Schweiz. In alter Manier haben sich natürlich alle Uhren gegen uns verschworen. Somit wurde die verlorene Zeit, die für Essen, Bier und allgemeines Trödeln draufging,  durch Dejans Bleifuß wieder ausgeglichen, der uns allesamt im Höllentempo und trotz der vielen Pinkelpausen (die nur eingeklagt, doch zum Leide jedes Betroffenen eiskalt überhört wurden), zielfixiert Richtung Salzhaus dirigierte. Wir hatte ja schließlich einen Termin einzuhalten……
Der Weg ist bekanntlich das Ziel, dass uns dann noch von einem Stau verbaut wurde und der gesamten Belegschaft die Hoffnung auf ein Interview zerstörte. Tja, das wars wohl…
Irgendwann schaffte man es,  einen Kontakt zu dem Promoter  der Dollies herzustellen, der uns freudig mitteilte, dass die Jungs heute guter Dinge sind und wir noch im Zeitlimit liegen. Da ein Unglück selten allein vorbeischneit, durften wir in Winterthur-City, dem heißen Flitzer eine kurze Verschnaufpause, aufgrund staatsbehördlicher Kontrolle, gönnen. Die nächste und hoffentlich letzte Hürde, war der Weg zum Ort des Geschehens. Ein einsamer Hippiebus erwies sich den Orientierungslosen als Beihilfe und bekam zum Danke einen Tokio Hotel Aufkleber auf die Hintertür. Dort angekommen, erwartete man die Redaktion schon mit offenen Türen. Problem bei der Sache: es gab nur ein paar Fragen meinerseits, die ich mir am Abend des Vortags notiert habe. Somit wurde ich zum Gesprächspartner gekürt und man erließ uns dreien (Stefano, Miri und mir) den Einlass. Geplant waren 10 Minuten für ein paar kurze Fragen. Partner des Abends war Mr. Sylvain Sylvain, der sich sofort als einen sehr geselligen Charakter herauskristallisierte und uns im Bezug auf Interviewdauer am wenigsten Stress machte. Und eines muss man diesem alten Herrn lassen, er zeigte keinerlei zu erwartende Allüren und zeichnete sich mit einer derartigen Gelassenheit aus, dass sich meine Aufregung, die mir ehrlich gesagt, zu Beginn tief in den Knochen saß, schnell verflüchtigte. Zum Dank wurde ihm vom hinterlistigen Chefredakteur reichlich Wein nachgeschenkt und wir dreien mit Backstagebier verköstigt. Das folgende Frage-Antwort Spiel entwickelte sich alsbald in eine ausgelassene Plauderrunde. Wobei er uns dann auch tatsächlich sage und schreibe fast eine Stunde Interview (wahrscheinlich wars sogar mehr) schenkte. Dabei ist schlichtweg unnötig zu erklären, aus welchem einfachen Grunde. Drum aufgepasst liebe Konkurrenz. Nehmt Beispiel an der überlegenen Pankerknacker-Redaktion: Nur wer durch unnachahmliche Professionalität und ehrlichem Engagement glänzt, kann von seinem gegenüber so richtig geschätzt und ernst genommen werden. Denn hätte er gewusst, dass der MP3-Player, an dem das Mikro angestöpselt war, gar nicht aufnahm, hätte Mr. Sylvain Sylvain wohl aufgrund so hohem, sympathischen Dilettantismus, mit uns die ganze Nacht verbracht und eine Runde nach der anderen für uns springen lassen. Doch lasst es euch gesagt seine meine lieben Kinder, wir ahnten und wussten es selbst nicht und konnten unsere Schuld nur dem guten Sylvain zuweisen, der die Batterien durch seine hohe, unerwartete Toleranz uns gegenüber zum Herzstillstand verleitete.
Ärgerlich, ärgerlich, doch für den Schreiber von Vorteil; das anstrengende Übersetzen des Originaltextes bleibt aus. Mit Hilfe von telepathischem Sendebewusstsein, konnte das Geschehen rekonstruiert werden, was wir euch wie immer nicht vorenthalten möchten:
Damian Damian: Die New York Dolls sind 356 Tage Halloween im Jahr”. Das extravagante Outfit und die provokante Ausstrahlung der Dolls war bzw. ist noch ein zentraler Mittelpunkt der Dolls, ich hab euch bis jetzt noch nicht auf der Bühne gesehen… Aber glaubst du, dass es möglich ist den Stil von damals glaubwürdig zu repräsentieren? Wie wichtig ist der dazugehörige Style im Jahre 2006?
Sylvain Sylvain: Die Kleidung spielt in solchen Fällen eine zentrale Rolle, auf alle Fälle. Jeder hat das Bedürfnis sich auszudrücken Kleider sind eine Möglichkeit. Somit hat jeder eine gewisse Einstellung, die er mit seiner Kleidung auch nach außen repräsentieren will.
Damian Damian: Glaubst du in dem Zusammenhang, dass die Leute im Publikum spezielle Erwartungen haben, wenn sie heute zu euren Konzerten kommen?
Sylvain Sylvain: Nein. Ich glaube nicht an uns persönlich. Ich denke in den meisten Fällen kommen sie um die NewYorkDolls, um guten Rock´n´Roll zu hören.
Damian Damian: Was ist das Durchschnittsalter eures Publikums. Ich denke die meisten von ihnen sind jung. Wie viele Leute der ersten Fangeneration kommen heute noch, um euch live auf der Bühne zu sehen?
Sylvain Sylvain: Wenn ich auf der Bühne stehe und ins Publikum blicke, sehe ich fast nur junge Leute. (I call them kids). Ich denke aber auch, dass wir viele alte Fans von früher haben, jedoch besuchen uns nicht viele von ihnen. Trotz allem ist es am wichtigsten Rock´n´Roll den jüngeren Generationen weiterzugeben, um ihn am Leben zu halten. Schau mich an, ich bin steinalt und immer noch dabei. Spielst du ein Instrument? Wenn ja, weißt du ja wie das ist, du willst einfach nur raus und spielen…..
Damian Damian: Ihr habt bzw. hattet immer und überall ein Schar an Groupies um euch herum. Meistens verlangten sie von euch nicht nur einzig und allein, dass ihr eure musikalischen Fähigkeiten unter Beweis stellen solltet… Kommt bzw. kam es vor, dass welche dieser Mädchen, aus der vergangenen Zeit, heute wieder kommen und von ihren Erinnerungen und ihren Gefühlen von 1973 erzählen, oder, dass sie sogar Gefühlsausbrüche erleiden, wenn sie auf euch treffen und sich wieder wie junge 16 fühlen.
Sylvain Sylvain: (lacht) Naja, es kann durchaus passieren, dass eine Frau vorbei kommt und behaupten könnte, dass ich der Vater ihres Sohnes bin, oder das da jemand kommt und behauptet ich sei sein/ ihr Vater…
Doch pass auf. Ich erzähl dir eine Geschichte. Da war dieses 16jährige Mädchen, dass mit ihrer Mutter zu einem NewYorkDolls Konzert ging. Die Mutter kannte die Dolls nicht, nur anderes altes Zeug kannte sie, aber die Dolls nicht. Sie kam, sah uns und war völlig aus dem Häuschen und flippte total aus. Seit dem Tage waren wir ihre neue Lieblingsband.
Damian Damian: Gibt es einen Unterschiede wischen den Mädchen von früher und heute? (…are they still mysterious?)
Sylvain Sylvain: Ohh, ich habe das Gefühl, dass die Mädchen von heute noch viel schlimmer als damals sind.
Damian Damian: Wenn die Presse über die NewYorkDolls berichtet, spricht sie von einer genialen Band, eine Legende des Rock´n´Rolls, die erst spät nach ihrer Auflösung, von der Musikwelt anerkannt wurde. Glaubst du es stimmt, wenn behauptet wird, dass die Dolls während ihrer Blütezeit mehr Respekt verdient hätten oder denkst du, dass dies die Meinung von diesen Leuten ist, die dir sowieso am Arsch vorbei gehen?
Sylvain Sylvain: Es gibt viele Leute, die behaupten, dass die NYD, die beste Band nach den Stones waren. Persönlich kann ich da nicht viel dazu sagen. Es ist auf jeden Fall ein geiles Gefühl in dieser Band zu spielen, die im Laufe der Zeit, so viele Menschen inspirierte und einen eigenen Meilenstein in der Musikgeschichte legte, gerade was die spätere Entwicklung in England angeht mit den Pistols und Clash und wie sie alle heißen. Die Meinung der Presse ist mit da generell ziemlich egal. Keine Ahnung, ich zieh mein Ding als Musiker durch wie ich es für richtig halte, doch in den meisten Fällen halte ich sie schon für ziemlich dämlich.
Stefano Stefano: Apropos dämlich, Rockstars wie Du brauchen doch eh kein Hirn …
Sylvain Sylvain: Ja da hast du recht, doch ich bin einer von wenigen, der von seiner Musik leben kann und dass ist verdammt noch mal ein gutes Gefühl.
Damian Damian: Rock´n´Roll im 21. Jahrhundert. Findest du, es ist schwierig im großen, Rockpool des 21, Jahrhunderts einen Platz zu finden, oder bist du der Meinung, dass spielt für solch Hohepriester wie euch keine Rolle?
Sylvain Sylvain: Oh, es ist wirklich hart, auch für eine Band wie uns als. Es sind einfach zu viele und viele schlechte unter ihnen. Da hatten wir es früher natürlich ganz klar leichter, da waren wir ja schließlich die Einzigsten.
Damian Damian: Bei dieser meilenweiten Liste von den aktuellen bekannten & unbekannten Bands, stellt man eigentlich immer wieder fest, dass das was man hört absolut nichts Neues ist und schon mal da war. Glaubst du manchmal das es für die jungen Bands angebrachter wäre eine Rockrevolution, wie ihr damals, zu entfachen, anstatt sich andauernd gegenseitig zu covern?
Sylvain Sylvain: Als ich klein sah ich eines Tages die Beatles im Fernsehen und war sofort in sie verliebt, von diesem Tag an interessierte ich mich für Musik. Doch als ich dann die Stones hörte, war alles vorbei, ich war total aus dem Häuschen und die Beatles gehörten der Vergangenheit an. Ab da waren die Stones meine Götter und die Beatles scheiße. So war das damals. Ich denke, dass das heute viel zu schwierig ist bei dieser Palette von vielen Bands. Wobei die wichtigste Rolle wahrscheinlich der Erhalt von Rock´n` Roll spielt. Deshalb muss es Nachwuchs geben, der das ganze Ding weiterlebt und weitergibt.
Damian Damian: Was ist deiner Meinung nach die beste Platte der letzten zehn Jahren?
Sylvain Sylvain: (überlegt….)……Gibt es nicht….
Damian Damian: Und die 10 Jahre davor?
Sylvain Sylvain: Schwierig zu sagen. Spontan fällt mir…§$&/(%…….ein. (Nennt mir irgendein Blues-Musiker).Ahh und diese junge Band aus Australien. Jet.
Damian Damian: Auf eurer Tour begleiten bzw. supporten euch viel junge Bands. Interessierst du dich für sie?
Sylvain Sylvain: Es ist schwierig sie alle zu hören, doch es sind viele gute unter ihnen. Zum Beispiel diese deutsche Band Namens „Creetins“, haben mir ziemlich gut gefallen. Doch so kenn ich auch nicht viele Punkbands der Neuzeit, da ich eigentlich nur die alte Sachen höre.
(Miri Miri beginnt mit ihm Französisch zu sprechen)
Miri Miri: Du kommst aus einer jüdischen Familie? Wie stehst du zu der Religion?
Sylvain Sylvain: Ich hab der Religion der Rücken gekehrt. Religion hat für mich immer nur Machtinteressen verfolgt, sowie Völkermorde oder Hexenverbrennungen.
Miri Miri: Und wie steht deine Familie dazu? Gerade im Judentum steht doch die Religion über allem?
Sylvain Sylvain: Also ehrlich gesagt, habe ich beide schon verloren und zu meiner Schwester habe ich einen ganz guten Kontakt- ohne Religion.
Miri Miri: Das tut mir Leid. Kannst du noch ein paar jüdische Lieder?
Sylvain Sylvain: Klar. Meinst du so was wie „Hava nagila, hava nagila….“ (singt das Lied). Sowas vergisst man nicht so schnell.
Interview verläuft sich langsam/ es kommen noch ein paar in den Raum dazu. Ein laute Durcheinander ist entfacht.
Damian Damian: Das wars dann so langsam, für nachher viel Spaß und zum Abschluß darfst du mir eine Frage stellen.
Sylvain Sylvain: Was war das für ein Gefühl für dich den alten Sylvain zu treffen????
Damian Damian: Ich glaube ich hätte dich lieber 30 Jahre früher getroffen.
Sylvain Sylvain: Jetzt warte erst mal ab bis du uns live gesehen hast und komm dann nachher noch mal vorbei und erzähl mir was du meinst.

Der Erfolg des Interviews und das Versagen der modernen Technik wurde anschließend, mit dem verbliebenen Bier und Wein gefeiert. In den entfachten Diskussionen verlor sich das sowieso nicht vorhandene Raum und Zeit Gefühl. So machte sich die Band schon seit geraumer Zeit auf der Bühne zu schaffen, als wir den gefüllten Konzertraum betraten. Dabei muss ich noch mal lobend betonen, dass der mitgebrachte Wein am Eingang nicht konfisziert wurde, sondern dieser lediglich in Plastikbecher umgefüllt werden musste. Vorbildlich, die Schweizer. Sofort zog es mich in die ersten Reihen, wo ich Kollege Ben, ziemlich angetrunken und vom Abend gezeichnet im Gedränge der Menge antraf. Im Anschluss folgte ein Hit nach dem anderen: Trash, Personality Crises, Jet Boy, Pills …….also alle Hits mit unter den neuen der aktuellen Platte „One day it will please us to remember even this“. Hinterher gab es noch zwei Zugaben, anschließende Verabschiedung und für uns den direkten Weg zur Theke.

Tja, so war das und so hätten wir hinterher gern auf ein paar Backstagebierchen dort weitergemacht, wo es hier aufhört. Doch zuvorkommend wie wir sind, zeigten wir wahre Nächstenliebe und gönnten dem guten, alten Herrn nach all der Arbeit einen angenehmen Feierabend-Abend und zogen selbst mit unser 4-rädrigen Zeitmaschine von dannen und flogen wieder auf direktem Wege ins Jahre 2006 und genossen dabei die musikalischen Wunderwerke der dazwischen liegenden 30 Jahren.
Eine kurzum entspannte Nachhausefahrt und anschließender Thekenbesuch im Freiburger 264 folgten. [Damian Damian]

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7. February 2012

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