Wally Walldorf (Toxoplasma/Toxomusic-Studio) plaudert aus dem Nähkästchen!

20. März 2010

Eigentlich war dieses Interview noch fürs Taugenix 12 geplant. Wie sich inzwischen sicher auch
bis nach Hintertupfingen rumgesprochen hat, wird das Taugenix aufgrund der Nix-Gut/Freiwild – Geschichte eingestellt. Näheres dazu an vielen anderen Stellen. Obs was in dieser Ausgabe des
Punkerknackers darüber zu lesen gibt, weiss ich zu diesem Zeitpunkt nicht..Nun zu Toxoplasma!

Ich lernte Wally letzten Sommer kennen, als ich mit meiner Band bei ihm im Toxomusic-Studio
in Koblenz war. Er entpuppte sich sehr schnell als äusserst sympatischer Zeitgenosse, der sich nicht zu schade war, aus seinem langen bewegten Leben (hehe) zu plaudern. Muss man zu Toxoplasma noch viele Worte verlieren? Ich glaube nein. Nur soviel: Toxoplasma war Anfang der neunziger Jahre die erste „richtige“ Punkband, die ich hörte. Vorher hatten mich die üblichen verdächtigen (Hosen, Ärzte, Brieftauben und eine Kapelle die ich auch für Punk hielt, deren Namen ich aber hier lieber nicht erwähne, hehe) zum Punkrock gebracht. Toxoplasma brachten mich als erste (Band) dazu, mir Gedanken zu machen, was in der Welt so alles schief läuft, mit dem Album Gut+Böse. Ich halte Wallys Texte bis heute für mit das Beste, was es im deutschsprachigen Punkrock-Bereich gibt. Keine so oft zitierten stumpfen Parolen, klar zu verstehende Aussagen, schöne Wortspiele, lyrisch schön verpackt und nichts was sich ultra schlau anhört, aber eigentlich nix aussagt. Seit 1980 treiben sie nun ihr Unwesen, unterbrochen von vielen Besetzungswechseln, Auflösungen und Comebacks.
Zu den einzelnen Phasen gibt’s später im Interview noch mehr zu lesen. Seit 2003 sind die Jungs um Wally nun wieder aktiv. Auf dem 40. Geburtstag eines alten Freundes spielten sie ein paar Lieder in der 80iger-Jahre-Besetzung und schwups, brannte der alte Ofen wieder, hehe. Zur Zeit feilen sie mit neuem Line-Up an Songs für eine neue Platte. Sie wollen sich nicht zum Affen machen, wie viele andere reformierte uralt-Combos und mit alten Songs dem Publikum die Kohle aus der Tasche ziehen. Sie werden erst wieder live spielen, wenn’s auch genügend neue Songs mit dem neuen line-up gibt. Im Interview drehts sich um Toxoplasma und um Wallys Arbeit mit seinem Tonstudio!
Viel Spaß!

Hallo Wally! Ich bezweifle zwar, das es Jemanden gibt, der nicht weiss, was oder wer Toxoplasma ist, aber wir gehen einfach mal davon aus, das ein Teil der Leserschaft nicht Bescheid weiss. Stell dich doch mal kurz vor! Aber nur nicht zu schüchtern!
Ähmja, ich heiß Wally, bin Frontmann bei Toxoplasma, Baujahr 1962 und somit schon wohl etwas in “in die Jahre gekommen” ich kann es  nicht glauben, das der Typ mit den weissen Bartstoppeln, der mich da blöd anstarrt, mein Spiegelbild ist.

Wann hast du angefangen, dich mit Tonaufnahmen zu beschäftigen?War das klassisch mit 4-Spurrecorder oder gar mit Kassettenrecorder?
Meine ersten Tonaufnahmen hab ich 1981 mit meinem Saba rcr 414 Radiorecorder gemacht. Im Badezimmmer. Ich habe dieses schwere Vieh ins Waschbecken gelegt mich dann mit meiner (selbstgebauten) Gitarre drübergebeugt, losgeschrabbelt und dazu gesungen. Durch den extremen Hall und den Resonanzen im Porzellanwaschbecken brauchte ich keinen Verstärker. Ich hab die Aufnahmen heute noch und die Ur-Versionen der Toxosongs wie Vakuum, Asozial, SOS, 1981 und auch Allesfresser haben wirklich Charme. 85 kaufte ich mir meinen ersten 4 Spur Kassettenrecorder.89 die erste 8 Spur, bla..

Wie wurden die Toxoplasma – Demos aufgenommen?Die gibts ja heute noch als Tapes oder auch auf Single. Habt ihr das selber gemacht oder sind die schon in einem Studio entstanden?
Die Demos sind allesamt Proberaumaufnahmen, die wir 1981 und 1983 mit einer Tascam Stereo Bandmaschine und einem geliehenen kleinen Pult aufgenommen hatten. Wir haben die Songs live eingespielt, während im Nebenraum Mitch (toxobassist ab 84- 98) dasPpult und die Pegel der Maschine im Auge hatte.

Hast du da noch irgendeinen Einfluss drauf, was mit diesen Aufnahmen geschieht? Ich hab z.b. noch vor kurzem ein Tape bestellt, wo eure Demos drauf sind, so mit kopierten Cover und selbst bespielt.
Nein, das sind Selbstläufer geworden. Es sind genau diese Aufnahmen von denen ich gerade sprach. Wir hatten damals ne Plastiktüte voll Kassetten kopiert und sind damit im Herbst ´81 nach Berlin gefahren um sie dort zu verkaufen. 1991 hatte ich nochmals 20Sstück kopiert und mit in den Osten auf Tour genommen. Du dürftest schlechtestenfalls  eineKkopie von eben diesen exemplaren in den Händen halten. Ich muß schmunzeln wenn ich in irgenwelchen Mailordern diese Tapes entdecke.

Habt ihr für eure erste reguläre Platte die Demo-Tapes verschickt oder kam die Plattenfirma auf euch zu?
Um bei diesen Demos zu bleiben: Eines dieser Exemplare hatte auch Karl-U. Walterbach, Gründer von Aggressive Rockproduktionen in Berlin, in die Finger bekommen. Ihm gefielen die Songs und er hat uns dann angeschrieben, ob wir nicht Lust hätten 2-3 Songs für den Undergroundhits neu  einzuspielen. Haben wir dann gemacht und auf Grund der positiven Resonanz später auch unsere erste LP bei AGRr aufgenommen.

Das muss ja Anfang der 80iger sehr spannend gewesen sein als (Punk)-Band. Das war ja in Deutschland zu der Zeit gerade ein Hype, mit den deutschsprachigen Bands. Zwar nicht zu vergleichen mit der Flut an Bands, die es heute gibt, aber da war ja richtig was los. Hat da jede Deutschpunkband nen Plattenvertrag bekommen?
..Obs nun spannender als heute war, vermag ich nicht zu sagen. Für uns wars normal und Alltag so wie heute auch. Die Plattenverträge lagen auch früher nicht auf der Strasse. Studio,Plattenpressung und die dazugehörige Promo in den Printmedien war verhältnismäßig teuer und die Kohle bei den einstigen “Independent”Firmen wie immer äußerst knapp. Die haben schon auch überlegt, wen und was sie da hypen. Bands gab es auch damals zuhauf. Es gab viele wirklich gute Bands, die leider nie das Glück hatten, wie es uns praktisch “in den Schoß” gefallen ist.
Die Chance,  sich selbst zu produzieren und damit dann auch weit zu kommen, war auf Grund der damals äußerst begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten so gut wie unmöglich.

Wie kann man sich so einen Plattenvertrag von damals vorstellen? Habt ihr da auch schon nen richtig fetten Vorschuss fürs Studio bekommen? Heutzutage muss man ja als kleine Punkband, selbst wenn man ein Label findet, das die Scheibe presst und vertreibt, das Studio selber finanzieren. So kenne ich das zumindest, haha.
Der Plattenvertrag der 1. LP war ein vertipptes, ranziges Blatt Papier, worauf stand, dass wir alle Verwertungsrechte des Materials an AGRr abdrücken und – nachdem alle Kkosten, wie Studio und Pressung, Werbung, bla… bezahlt sind  – wir auch mit paar Pprozent am Umsatz beteidigt werden. Wir hatten dann, nachdem alles verrrechnet war glaub ich noch 123,80 Mark bekommen.
Zumindest hatten wir nix aus eigener Tasche bezahlen müssen

Man hört ja immer wieder mal was von den Machenschaften von Karl Walterbach und AGR damals.
Wie war/ist euer Verhältnis und gibts da was interressantes aus dem Nähkästchen zu berichten?
Karl hat mir seinen Sountracks zum Untergang klein angefangen und ist mit Slime, uns, Daily Terror und dann auch mit Amibands , die er unter Vertrag  hatte, richtig groß geworden. Er hat noch auf der Dead Kennedys und Bad Brains – Ttour und mit uns den Bandbus gefahren..
In denn Neunzigern hatte er dann ein ganzes Bürogebäude, wo seine Labels wie Modern Music, Noise Intternational, Diadem, AGR, bla…jeweils in seperate Etagen untergebracht waren. Wir hatten zu dieser Zeit viel mit ihm zu tun, da die Bullshit, Ausverkauf und Gut und Böse, in für uns relativ kurzen Zeiträumern,  produziert wurden. Man muß sagen,  er war in dieser Zeit stets umgänglich, für Vorschläge offen, hat uns Reisekolsten und Spesen gezahlt, wenn wir in Berlin waren und auch sonst war er fair, obwohl ich keinen Hehl daraus machte, dass er für mich ein Feindbild darstellte, dem ich erstens auf den Leim gegangen bin und zweitens auch noch an ihn  vertraglich gebunden war.
Aber er hielt sich zumindest an die ausgehandelten Verträge. Das er ein Schlitzohr war und wir die verpeilten Musiker – irgenwie auch unser Fehler…
Zumindest gab man uns einen Tip, dass es sich mit Karl besser verhandeln liesse  wenn man ihn unter Drogen setzt. Mit dieser Vorgehensweise erzielten wir dann auch  bezüglich der Spesensätze und Reisekosten gute Ergebnisse. Das hätte uns mal jemand früher sagen sollen…. Er entliess  uns auch irgendwann aus seinen endlos-Option&Knebelverträgen. Hätte er nicht gemusst, aber natürlich nicht ohne sich vorher noch das Recht auf eine “Best of..” zu sichern..Man kann ja über Karl sagen was man will, aber er hat im Gegensatz zu manchem seiner Kollegen immerhin noch Stil und Klasse bewiesen.

Habt ihr von Platte zu Platte mit steigendem Bekanntheitsgrad dann auch immer mehr Geld in die Produktion gesteckt oder war das immer eher ein Level? Du merkst, mich intressiert vor allem
das Punkrock-Musikgeschäft, hehe.,
Wir konnten von Platte zu Platte höhere Vorschüsse aushandeln, die aber dann entweder komplett in Studios oder mal in einen fetten Bandbus investiert wurden. Das Punkrock-Musikgeschäft erledigten die Plattenfirmen. So wie heute eigenlich auch. Wir haben nie mit der Plattenkohle kalkuliert. Der Vorschuß war für unserePproduktionskosten und unser Geld zum leben kommt von den Konzerten. Basta! Das Gefühl von einem warmen Geldregen durchPplattenverkäufe hat von uns keiner kennengelernt. Auch wenn sich die Verkaufszahlen der 1.LP  mittlerweile im sechsstelligen Bereich bewegen sollen..

Hast du immer einen Überblick gehabt, wieviele Platten das jeweilige Label verkauft hat oder denkst du, das ihr auch beschissen wurdet? Wie war das vor allem in den 80igern? Da hat man sich doch sicher so ein bischen wie ein Rockstar gefühlt?
Nein, es ist schwer einen Überblick zu behalten. Zwar bekommt man in (unregelmäßigen) Abständen bzw. nach Abmahnungen an die Firmen auch mal ne Abrechnung präsentiert. Die Zahlen muß man dann halt hinnehmen. Aber wie gesagt, es sind unwesentliche Beträge, über die es sich eigentlich nicht lohnt zu streiten.
Nein, als Rockstar hat sich wohl keiner von uns gefühlt. Warum auch? Wir hatten keinen Chromblitzende Karrossen, unser Fuhrpark bestand lediglich aus´nem 3 Gang- Moped, bestenfalls aus einem gebrauchten 500 DM Schrottauto und die zahllosenEexzesse fanden nicht in Hotels ,sondern in verranzten Kellern irgenwelcher besetzter Häuser oder AJZ statt. Aber zugegeben, es ist ein wirklich schönes Gefühl,  wenn die Leute deine Musik lieben.

Das Musikgeschäft im Download- und Klingelton-Zeitalter ist ja dramatisch eingebrochen, sofern man den Medien glauben kann. (Konnte man as jemals?) Denkst du, das Formate wie CD, LP mit aufwendig gestalteten Booklets noch Zukunft haben? Selbst grosse Rockbands verdienen Geld nur noch mit Konzerten. Von vielen befreundeten Bands weiss ich, das sie schon froh sind, wenn sie bei Konzerten 2-3 CDs zu Sonderpreisen loswerden, die kaum über den Produktionskosten liegen.
Ich vermag es nicht zu sagen, wie sich das weiter eintwickeln wird. Fakt ist das die Musik auf Tonträger durch das enorme Angebot und der ständigen freien Verfügbarkeit an Wert verliert. Wenn ich heute eine CD mit 400 MP3s verliere ,dann scheiß ich drauf und zieh mir halt ne neue. Es ist noch gar nicht lange her, da sind Freundschaften wegen eines Kratzers auf einer geliehenen Platte zerbrochen.. Vinyl hat vielleicht noch den einen bescheidenen Hauch eines Unikats übrig behalten, aber das haben Schellack Platten ebenfalls. Hat jemdand ein Grammophon?
Aber andereseits bringt diese Entwicklung die Musik wieder dort hin wo sie herkommt und geschätzt wird. – live von der Bühne!

Liegt euer Merchandising irgendwie in eurer Hand? Man bekommt ja in allen Mailorders noch Toxoplasma-T-Shirts. Hast du überhaupt irgendwelche Rechte von euren Sachen?
Der Merch liegt komplett in meiner Hand. Da lasse ich mir auch von keinem reinreden. Es sind nicht nur meine entworfenen Motive und Statements, sondern ich habe auch den Bandnamen patentrechtlich schützen lassen. Zugegeben, ich bin ein ziemlicher Banause, was Mode angeht und mit professioneller Unterstützung im Design und Vertrieb würden wir wohl ein vielfaches absetzen. Aber es reicht wirklich, wenn ich den Plattenlizenzen hinterher renne. Ich muß mich nicht auch noch mit den T-Shirt – Llizenzen zum Affen machen lassen. In den Neunzigern habe ich Angebote im fünfstelligen dm Bereich für die Verwertung des Namens auf Merchandise bekommen und drauf geschissen und tue es heute noch. Lieber verkaufe ich einen Bruchteil davon und habs in meiner Hand. Davon abgesehen, habe ich den Verkauf an Mailorder aus Rentabilitätsgründen eingestellt. Das bringt nur was,  wenn wir auch wieder live aktiv sind.

Fast jede Punkband verkauft auch T-Shirts. Es werden alle möglichen Missstände in der Welt rausgeschrien, die Band-Shirts werden jedoch grösstenteils auf z.b. Fruit of the Loom Shirts gedruckt, die in Sweat-Shops zu Hungerlöhnen oder durch Kinderarbeit hergestellt werden. Von der Umweltverschmutzung bei der Herstellung ganz zu schweigen. Hast du zu sowas eine Meinung oder denkst du eher, man kann auch alles übertreiben? Plastic Bomb z.b. machen ihre Sachen nur noch auf Urban Pirates Textilien, die aus farier Produktion stammen. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung denke ich..
….Ich bin ein Sünder, manchmal könnt ich schrein  =:-/

Nochmal zurück zu deiner Studio-Arbeit. Seit wann nimmst du andere Bands auf? Wie hast du angefangen?
Als ich mir 85 meinen 4-Spur Recorder gekauft hab, hab ich anfangs nur eigene Songs aufgenommen. Hin und wieder jedoch auch mal Leute, die dann auf Playback gesungen haben. Mit meinen damaligen Bescheidenen Mitteln erlangte ich durchaus zufriedenstellende Ergebnisse und es kamen dann öfters Leute, die dann aufPplaybacks sangen.
89 kaufte ich mir dann ne Tascam T38 8Spur 1/2Zoll Bandmaschine. Eigenlich auch nur,  um meine eigenen Ideen in besserer Qualität aufzunehmen. Als ich dann mal eine Anfrage von einer Band hatte, besorgte mir  ein E-Drum. So ein  Dynacord mit 8eckigen roten Plasikpads. Der nackte Horror, optisch sowie soundmäßig. Ich wohnte in einem 12 Familienhaus und ein Akkusticdrum in der Wohnung war unmöglich. Das Drum stand dann im Nebenraum, der Rest in meinem Schlafzimmer. So hab ich mich dann die kommenenden 18Jjahre ernährt. Unsere Monsters of Bullshit, beide Scheintot CDs und hunderte andere Produktionen wurden unter diesen Verhältnissen eingespielt.

Du hast ja damals auch Scheintot produziert. Wie kams dazu? Eine Legende besagt, die erste CD sei in deinem Schlafzimmer entstanden, wie eben schon angedeutet? Bei Scheintot sollst du auch mal Bass gespielt haben, munkelt man.
..Legende!?! Wow!!..aber  halb so wild. Die Jungs hatten bei mir ihr Demo aufgenommen. Das hat mir dermaßen gefallen, dass ich ihnen vorgeschlage,n hab ne Platte auf meine Kosten aufzunehmen. Natürlich in meinem Schlafzimmer mit E-Drum und 8 Spuren – womit/wo sonst? Die Kosten wollte ich dann – wenn ich es schaffe diese Band bei ner Firma unterzubringen – durch den Lizenzvorschuss wieder reinholen. Hat dann auch soweit  funktioniert. Aber ich würde sowas nie wieder tun.
Ja, Bass hab ich auch mal da gespielt, weil der Basser für ne Zeit abkömmlich war. Ich hab dann für 2 Konzerte ausgeholfen. Mein Gott, das waren die chaotischsten Konzerte in meinem Leben und glaub mir- ich hab die letzten 30 Jahre wahrlich schon viel durchgemacht..

Scheintot war eine supergeile Punkband. Hast du da noch Kontakt? Warum ist da nichts draus geworden? Du hast die Jungs auch an Impact vermittelt, oder?
Ich finde die 1. CD nach wie vor klasse. Unbefangener Kiddipunk ohne diese ganze P.C-Zeigefingermoralapostelpseudopunkscheiße. Ich hör sie heut noch gerne. “Es ist nichts los in dieser Stadt, vor Langeweile trete ich Ameisen platt.. Ohhooo”, diese Unbefangenheit mag ich ! Ja ich hab sie an Impact vermittelt und ihnen Tor undTtür geöffnet. Ich hab die Band mit auf die “Monsters of Punk – Tour” mitte der 90er mitgenommen.und andere Touren vermittelt. Da gabs Nightliner, fette Konzerte, große Läden, bla.. . Allerdings haben die Jungs ihre Chance nicht wahrgenommen. Die waren halt anders drauf als Toxo in dieser Phase. Der Sänger stieg aus, der Bruder und Gitarrist sang dann auch die 2. LP ein, die Probemoral war eh unter aller sau, der Basser über Jahre abgetaucht und überhaupt war da die Luft raus. Ich treff den einen oder anderen manchmal in der Stadt. Sind nach wie vor nette Leute und teils gute Musiker.

Du arbeitest im Studio mit grösstenteils analoger Technik aus den 80igern. Wenn ichs richtig verstanden habe, ist das einzig digitale bei dir die Festplatte und das Computer-Programm dazu.
Erzähl doch mal was zu den Vorteilen analoger Aufnahmetechnik und den Unterschied zu modernen, komplett digitalen Produktionen! Du darfst Werbung betreiben, hehe!
Ja, meine Rracks stammen weitgehend aus den 80ern. Nachdem ich 15 Jahre mit 8 Spur Maschinen gearbeitet habe , konnte ich mir Anfang 2000 endlich 24 Spuren leisten. Zwar hab ich jetzt anstatt einer Bandmaschine einen Mackie HDR 24/96 Harddisk-Rrecorder, bin aber sehr zufrieden damit. Da ich einen Monitor anschließen kann und mich nicht nach dem Zählwerk der Bandmaschine orientieren muß, spare ich mir die aufwendigen und nervigen Spurenpläne.
Die Speicherung auf Festplatte anstatt auf Magnetband ist billiger, schneller und unkomplizierter. Die jährlichen Wartungsarbeiten einer Bandmaschine, wie das Einmessen oder Wechseln der Tonköpfe und anderen Verschleißteilen ist einfach zu teuer. Auch sind die Bandkosten bei einem 2 Zoll Magnetband von ca. 200€/pro 15min für die Bands schwer aufzubringen. Bearbeitet wird das aufgenommene Signal bei mir dann allerdings in der herkömmlichen Art und Weise,  mit einem guten Analogpult (Soundcraft “Ghost”)und  entsprechender “konservativen” analogen Technik. Ist mir irgendwie lieber, damit bin ich groß geworden. Mischen mit der Maus auf Monitor ist mit zu fisselig. Ich brauch Knöpfe und glühende Röhren.

Noch mal zu Toxoplasma. Die Texte hast du alle geschrieben, oder? Inwiefern sind die von bewustseinserweiternden Substanzen beeinflusst? Wir haben in den 90igern bei unseren eigenen Experimenten mit Pilzen und Trips da alle möglichen Sachen und Botschaften rausgehört,Besonders bei der Gut und Böse, haha. Erzähl doch mal die Anekdote von dem Metall-Typ, der dich umbringen wollte!
Ich habe nicht alle Texte geschrieben, wohl aber die meisten. Welche davon unter ewustseinserweiternden Substanzen entstanden sind,  weiss ich nicht mehr so genau, je nach Dekade mal mehr und mal weniger. Wer allerdings bei der “Gut und Böse” neben der textlichen Standardinterpretation noch irgednwelche anderen Botschaften raushört, der sollte dann doch besser mal den Dealer wechseln..
Ja, es gab mal ne Band, die hatte ne Scheibe bei mir aufgenommen und einer davon hörte immer  Stimmen in der Aufnahme, die ihm suggerierten,  mich umzubringen. Man hat mich sogar mal angerufen und gewarnt, das er auf der Suche nach mir ist,  um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Der arme Kerl litt unter einer “drogenindizierten” Psychose und wurde dann auch stationär behandelt. Jaja so kanns kommen….

Erzähl doch mal, welche Toxoplasma-Phasen und Besetzungen es gab, mit Jahreszahlen, wenn du die zusammenbekommst! Mit welcher Besetzung habt ihr am meisten getourt? Ich hab euch oft in den 90igern gesehen!
Ohgott, den die Frage hass ich..also:
Von 81-83 Originalbesetzung, ab 83 Basser ausgetauscht, 84 Drummer gewechselt. 85 Band aufgelöst. 89 mit orig.Gitarrero und 83er Basser und Drumcomputer die Bullshit aufgenommen.
90 dann Drumaschine gegen Drummer getauscht und noch 2. Gitarrist dazugenommen, äh, schreibt man gitarre mit einem oder zwei  t? Naja egal…. In dieser Besetzung dann die nächsten 8 Jahre getourt und getourt und die Ausverkauf aufgenommen und getourt.. Zwischenzeitlich stieg dann Originalgründungsmitgliedsgitarrist aus und weiter getourt, die Gut & Böse aufgenommen, getourt und bla.. Die Leben verboten und die Live aufgenommen und bis zum Split 98 mangels Inovation weiter getourt. 2003 dann in Orignalbesetzung paar Konzerte bis 2006 , mal wieder Ausstieg unseres Originalgründungsmitgliedsgitarristen. Übergangsloser Wechsel an der Gitarre und 2007 Drummer gewechselt. Originalmitglieder sind Stefan (Bass) und meine Wenigkeit… .

Du bist für eine (Punk)Musiklegende ziemlich auf dem Teppich geblieben, hehe. Da kenne ich andere, die sehr unnahbar sind. Kennst du so Leute wie Slime, Hass, Tote Hosen, Ärzte oder haben sich eure Wege gar nicht so oft gekreuzt?Gabs in den 80igern Konkurenzkampf?
Von den aufgezählten Bands kenne ich bis auf Toten Hosen alle persönlich. Wir haben oft zusammen gespielt und auch viel Spaß gehabt. Mit der Düsseldorfer Szene hatten wir noch nie was zu tun. Konkurrenzdenken kennen wir nicht. Warum auch. Man freut sich eher,  wenn man einige Bands nach fast 30 Jahren im Backstage wieder trifft. Klar, es gibt auch Bands , mit denen wird man nicht warm.

Du merkst, meine Fragen haben kein System, es geht quer durch den Garten. Wie kams zu der Tour mit 3.Wahl, als du mit ihnen Toxo-Lieder gespielt hast? Wie war die Resonanz?
Ich hatte so ne Spontanaktion schonmal mit Backslide in der Musikhall in Köln gemacht. Als ich mich mal bei Dritte Wahl im Backstage am durchzecken war, hat mich ihr Tourmanager angehauen ob ich nicht Lust hätte,  so ne Aktion auch mal mit 3. Wahl in Freiburg zu machen. Klar! Das war allerdings vor der Toxoreunion. Als ich dann in Freiburg ankam, stand auf den Plakaten dick unser Bandname aufgedruckt.
Da war ich ziemlich angepisst. Zumal ich oft genug gesehen hab, was mit Musikern passieren kann,  wenn sie ihr Publikum verarschen. Dann ist ne gebrochene Nase nicht auszuschließen. Demnach stand ich dann dem Abend äußerst skeptisch gegenüber. Wir hatten auch nie zusammen geprobt und uns lediglich am Telefon über die Songwahl abgesprochen. Dann auch noch vorm Konzi permanent.: “Ey Wally, geil das es Toxo wieder gibt!”" “wo isn der Rest… “, oder “wir sind 400km für Toxo gefahrn.” .usw” ..Mir war schlecht vor Schiss. Aber meine Skepsis war umsonst. Wir spielten 7 oder 8 Toxosongs und der Saal tobte. Zwar musste ich immer mal auf die Setliste schauen, welchen Song die Jungs gerade anspielten, aber mein Gesang hats dann wieder zusammengebracht. Das hatten wir dann später auch nochmal in der Zeche Karl in Essen durchgezogen. Als auch dort der Veranstalter meine Wenigkeit als komplette band Toxoplasma ankündigte, hatte ich von der Nummer die Schnauze gestrichen voll. Ich mein, das hätte echt ins Auge gehen können und die Keile hätte ich alleine abbekommen.
Bei der Europa-Tour war das was anderes: Da sollte dann Toxoplasma mit Dritte Wahl und Exploited auf Tour, aber die Jungs konnten oder wollten nicht mit. Da 3.Wahl und ich schon fast ein “eingespieltes Team” waren,  haben wir es dann wieder so gemacht. Bis auf Spanien, die es nicht gerafft haben, war ich in anderen Ländern  dann auch als “spezial Guest” bei der Tour angekündigt – was auch Bedingung meiner Teilnahme war ..
Und es war wirklich eine hammer Tour, nicht auszudenken wie wir da mit Toxo abgeräumt hätten. Dieser Gedanke war dann aber auch mein einzigster persönlicher Wermutstropfen. Ansonsten war es für mich ein großartiges Erlebnis mit einer brillianten Band wie 3. Wahl gemeinsame Sache zu machen.

Seit wann macht ihr die aktuelle Reunion, wie ist es bisher gelaufen und was dürfen wir von euch noch erwarten?
Ich glaub seit 2003. Wir haben in der zeit einige Konzerte und Festivals gespielt und man kann sagen, dass es ganz gut lief. Zumindest hatten wir nicht das Gefühl, das man uns nicht mehr ernst nimmt und uns als ne abgefuckte Rentnerband betrachtet, die sich selbst covert. Damit es auch nicht soweit kommt, haben wir seit 2 jahren alle live Aktivitäten eingestellt und arbeiten an einer neuen Plattem, um sie dann in unser live Set zu integrieren. Das ist notwendig,  um nicht so wie eben beschrieben zu enden.
Daher: Nein!!…Wir haben uns nicht aufgelöst und machen demnach auch keine Reunion Tour ala Slime, Wizo oder sonstwer mit. Was aber nicht heißen soll, das wir uns irgendwann mal wieder Bühne und Backstage mit denen teilen werden.

Erzähl doch noch was zum Dreh vom Chaostage-Film. Wie kam der Kontakt zu Stande? Haben die das gefilmte Konzert unterbrochen, musstet ihr da auf Kommando spielen, oder haben die einfach draufgehalten und die passenden Szenen verwendet? Wie findest du den Film? Bei der Premiere in Trier gabs bei deinen Kommentaren grosses Gelächter, das kam ziemlich gut an!
Tarek hatte uns zu den Dreharbeiten nach Homburg eingeladen. Es waren 2 Drehtage geplant. Der erste mit Statisten,  wo dann nur die Band gefilmt werden sollte und am zweiten Tag dann das eigentliche Konzert. Die Szenen sollten dann je nach Bedarf zusammengeschnitten werden. Am ersten Tag haben wir dann von nachmittags bis in den Morgenstunden des nächsten Tags mindestens 3000mal Asozial und Ordinäre Liebe runter gerotzt  aber so, als gings ums ganze. Die wenigen “Statisten” waren dann die Filmcrew und die üblichen Protagonisten des Films. Ich glaub die haben von der Aktion aber nix mit in den Film genommen, sondern nur das eigenliche Konzi. Die ganze Nummer endete in einer riesigen exzessiven party und war für uns – dank der anwesenden Leute – eindeutig das Toxoplasmabandhighlight 2007. Den Film als solchen finde ich wirklich gut gemacht, aber schlichtweg falsch betitelt. Unter Chaostage verstehe ich nun mal was anderes , als das was der Film versucht zu vermitteln. Zumal die Interviewfetzen zwischen den Szenen sich auch auf die wirklichen Chaostage beziehen. Dadurch wird die Erwartungshandlung des Zuschauers ( in dem Fall ich), erstmal nicht erfüllt. Das ist meines Erachtes der Schwachpunkt des Films. Würde man den Film fernab vom Titel bewerten, könnte ich ihn als gelungenes Erstlingswerk der Sabotakt Crew bezeichnen. Der Rest ist dann – wie in der Musik auch – Geschmacksache.
Was mir allerdings noch sauer aufstößt ist die Tatsache, das mit großen Namen wie Helge Schneider oder Ben Becker gelockt wird, obwohl sie eigentlich nicht erwähnenswerte Nebenrollen besetzen, bzw. grade mal ein Statement abgeben. Dabei sind es die “Laien” die hier wirklich eine Glanzleistung abliefern. Das finde ich schade!
Was meine Kommentare angeht: Es war für mich äußerst befremdlich mein Fressbrett bei der Premiere überdimensional auf der Leinwand zu sehen und ich hab im Laufe des Interviews ne menge Scheiße gelabert. Die Tatsache, das ich kein Verfechter außer Kontrolle geratener Menschenmengen bin und mich auf diesem Event (Duisburg 1981)nicht wirklich wohl gefühlt hab, wurde galant weggeschnitten. Jedenfalls hab ich drei Kreuze gemacht, als der Abspann lief..

Was hörst du dir für Musik an? Kannst du bei der ganzen Studioarbeit überhaupt noch irgendwas nebenher ertragen?
Zugegeben genieße ich auch die Stille. Am meisten, bzw. intensivsten höre ich mir  die Aufnahmen ausm Studio an. Ich denke, ich nehme die Musik anders war, als der Konsument. Ich unterteile sie in Frequenzbereiche, Reflexionsräume und analysiere sie auch im Arrangement. Das ist ein Automatismus, gegen den ich mich nicht wehren kann.  Nichts destotrotz liebe ich Musik.
Musiker müssten das Gefühl kennen, wenn einem  Strukturen und Gesetzmäßigkeiten eines Arrangements förmlich ins Gesicht springen,  die der Rest der Welt nur unbewußt wahrnimmt.

Möchtest du uns deinen echten Vornamen verraten, oder ist der geheim, hehe. Alle Welt kennt dich nur als Wally (Kra)Walldorf. Vielleicht Walter, Walfried, Waldemar, Watzlaff, Waldheini (so nennt mich immer eine Dame aus meinem Altenheim, hehe)?Oder lassen wir die Legende wie sie ist?Da fällt mir das J. auf deiner Türklingel ein..
“..Mein Name ist Walldorf….Jörg Walldorf.” Gerührt und nicht geschüttelt.

Noch ein passendes Schlusswort für die nächste Generation Punkrocker?
..Bildet Bands!!!

Danke Jörg! Bis die Tage!

Chris de Barg
schiessbude23@web.de

www.toxoplasma.de

7 Kommentare

  • fäälix
    22. März 2010

    Informatives Inti, wirklich quer durch den Gemüsegarten!! Danke!
    Nur etwas befremdlich, wieso ihr das nicht komplett in eurem schmucken Heft abgedruckt habt. Ich kauf mir doch kein Fanzine in Papierform, um dann die Scheisse hier vor nem flimmerndem Bildschirm reinzuziehen!?
    Denkt mal drüber nach, viele Grüße

  • chris
    22. März 2010

    danke. ich finds auch schade, das es nicht ganz im heft war..der autor!

  • patti
    31. März 2010

    wahrscheinlich eine entscheidung der priorität wegen einer begrenzten seitenanzahl des heftes. was sagte der toxoplasma-wally noch gleich im interview? “Was mir allerdings noch sauer aufstößt ist die Tatsache, das mit großen Namen wie … gelockt wird …”
    deswegen dann also lieber ein interview mit bela b. über tausend seiten. finde ich es außerdem auch irreführend, dass auf der titelseite des heftes namen genannt werden, die sich nicht auf den inhalt des heftes beziehen, sondern nur auf die beiliegende cd. eine band wie wizo konnte ich im heft nämlich nicht finden.

  • chris
    31. März 2010

    für den WIZO artikel war glaub ich keine platz mehr und das layout war schon fertisch:-0

  • panka
    31. März 2010

    was schreibt ihr eigentlich fürn rotz, von dem ihr keine ahnung habt!!
    toxo kam auf den letzten drücker rein, war klar dass dieses als erstes gekürzt wird, wenn gekürzt werden muss und wizo axel hat die fragen nicht zur deadline fertig gekriegt, cover war aber schon im druck …

  • patti
    31. März 2010

    äh, was bitte?!? in welchem jahrhundert leben wir, dass man das cover von so nem professionell erzeugtem heft separat drucken lässt? wahrscheinlich habt das dann anschließend auch selbst von hand zusammengetackert, oder wie? entweder bin ich blind oder der artikel zur titanic ist mir ebenfalls entgangen….. ist auf dem cover groß angekündig…… bezieht sich aber wohl auch nur auf den inhalt der cd….?

  • Bernd
    1. April 2010

    noch einmal mehr “hehe” und ich kotze!

Kommentiere Wally Walldorf (Toxoplasma/Toxomusic-Studio) plaudert aus dem Nähkästchen!

Your name here
Your name here
7. February 2012

-->

Powered by WordPress.org - WordPress Theme deZine by ThemeShift.com