Sardegna non sei Italia
… il turismo alle spalle, il pugno nella tasca e la rivoluzione nel cuore …
Verreist man mit seiner Geliebten, hat man zwangsläufig mehr Zeit zum Lesen, als wenn man selbiges Unterfangen alleine oder mit Freunden wagt. Weil man durch eine solche Konstellation, doch ziemlich aneinander klebt, aufeinander fixiert ist, kommt man seltener dazu, Kontakte zu den Einheimischen zu knüpfen, um die eigene Wissbegierde über das Gastgeberland zu stillen. Das trifft insbesondere dann zu, wenn man zu seinem Leidwesen feststellen muss, dass besagte Geliebte sich weniger für Land, Leute, die Geschichte und deren soziale Zusammenhänge, denn für die Einfallwinkel der Sonnenstrahlen, Trendsportarten, fürs Einkaufen und Diskothekenbesuche begeistern kann.
Soll nicht heißen, dass jene Reise keinen Spaß gemacht hätte. Nach all dem Stress, welcher die Monate zuvor durchgemacht wurde, tat es allemal gut, alle Viere von sich zu strecken, im Meer herumzutollen und in Zweisamkeit das Leben zu genießen. Aber irgendwie fehlte letztendlich dann doch das gewisse Etwas. Nein, ganz bestimmt nicht der Kick, den verwöhnte Berufsjugendliche in ihren Ferien so gerne suchen. Es fehlte die Verbindung zu dem, was Sardinien so einzigartig macht. Zu dem, wodurch es sich von den vergewaltigten Touri-Ländern dieser Welt unterscheidet.
Genau deswegen möchte ich an dieser Stelle keinen Erlebnisbericht präsentieren, sondern vielmehr zusammenfassend über meine Vorort vorgenommenen Recherchen erzählen. Hauptsächlich beschäftigte ich mich damit, das Denken, das Handeln und die vernarbte Seele der Sarden etwas mehr zu verstehen. Vielleicht helfen euch die nächsten Zeilen ja dabei, dem gleich zu tun:
Die Sage berichtet, Gott habe bei der Erschaffung der Welt zuletzt noch ein paar Gesteinsbrocken übriggehabt. Aus ihnen habe er Sardinien gemacht. Es ist, als rage dieses Sardinien nun wie ein Brocken aus grauer Vorzeit in das moderne Zeitalter hinein. Ein modernes Zeitalter, auf welches man in Sardinien auch ganz gerne verzichten würde. Wer die Insel zum ersten Mal betritt und sich nicht nur an den künstlich angelegten Touri-Stränden herumtreibt, ist geneigt, der Sage glauben zu schenken. Wild, zerklüftet formt sich die Natur zu einem großen Denkmal aus Stein, welches den Kontrast zur herrlichen Weite der oftmals einsamen Strände und zu verführerischen Türkis-Bläue des Meeres nur noch mehr ins Bewusstsein hebt.
Doch diese Idylle, welche einem anfangs Honig ums Herzchen schmiert, ist nur die halbe Wahrheit.
Die Geschichte Sardiniens ist geprägt von Ausbeute und Fremdherrschaft. Seit dem Ende der bronzezeitlichen Nuraghen-Kultur, der letzten sardischen Kultur, die sich noch frei und im Austausch mit anderen mediterranen Kulturen entfalten konnte, kam es zu einer einzigen Abfolge von Eroberung und Unterdrückung, die das Denken und Fühlen der Sarden bis heute beeinflusst. Ob Phönizier, Karthager, Römer, ob Genueser, Katalanen oder Spanier – sie alle waren zwar an den reichen Bodenschätzen Sardiniens interessiert, weniger aber an einer gedeihlichen Entwicklung der Insel. Anfänglich noch wehrten sich die Sarden gegen dieses Joch, doch während die Inselbevölkerung zunehmend ausblutete, schickten die Eroberer einfach neue Truppen oder wurden gleich durch neue Feinde ersetzt. So zogen sich die überlebenden Sarden immer mehr ins Landesinnere zurück und begannen, relativ meeresabgewandt zu leben. Gleichzeitig setzten sich die jeweiligen Fremdherrscher an den Küsten und in den fruchtbaren Tiefebenen fest. So entstand eine Kluft zwischen den Bewohnern der Berge und jener der Küstenregionen, die bis heute nicht vollständig überwunden ist.
Beschäftigt man sich ein wenig mit der von Besatzung und Ausbeutung geprägten Geschichte Sardiniens, versteht man die merkwürdige Teilung der Welt im Bewusstsein der Sarden: Auf der einen Seite die Welt der Küstenregionen, in denen sich über Jahrhunderte hinweg immer wieder fremde Herren abwechselnd ansiedelten, auf der anderen Seite die Welt der Barbagia, des Berglandes, dessen Bewohner sich von Anfang an und lange sogar erfolgreich gegen die Eindringlinge gewehrt haben. Bis heute ist eine gewisse Distanz gegenüber allem Fremden spürbar. Für die „Su Mannu“, die Alten und Weisen, gehören die Touristen auch nur zur jüngsten Kategorie fremder Herrscher, die das Land in Besitz genommen haben.
Dazu muss man allerdings anmerken, dass die Insel nicht völlig in der Hand der Touristen ist. Soweit lassen es die Sarden dann letztendlich doch nicht kommen.
Sie wahren eine bewusst spürbare Distanz zu den Besuchern, welche vom Festland einfallen. So signalisieren sie zwar, dass man die Touristen ganz gerne benutzt, um an ihnen ein wenig Geld zu verdienen, gehen aber nie so weit, sich oder den eigenen Stolz zu verkaufen. Anbiederung ist für den Sarden ein Fremdwort. Ein Sarde ist zweifelsohne nicht die Art von Mensch, welcher einem in den Arsch kriecht, um Zaster zu machen. Er ist stolz und störrisch, freundlich, aber zurückhaltend. Wird er gegrüßt, grüßt er gerne zurück. Wird er ignoriert, so stört ihn das auch nicht weiter.
Den typischen Sarden, wenn es so etwas wie einen typischen Sarden überhaupt noch gibt, trifft man bei gelegentlichen Kurztrips relativ selten bis gar nicht, und wenn doch, dann eher nur zufällig an.
Die echten, die wahren Sarden leben im Supramonte (das sind die einsamen Regionen der Bergwelt). Sie anzutreffen und von ihnen angenommen zu werden bedarf viel Geduld und auch etwas Glück. „Wenn sie dich als Gast anerkennen, geben sie dir einfach alles – einen Esel, Wein, Brot, Käse – und sie nehmen dich mit auf die Hochebene, bis zu den Grotten hin, wo sie einst ihre Ahnen begraben haben und heute gelegentlich ihre Geiseln verstecken. Aber um ihr Verständnis zu gewinnen, muss man viele Monate hier verbringen“. Dieser Satz eines alten Sarden könnte auch den steinigen Weg umschreiben, auf dem sich bis heute die Annäherung zwischen Sarden und Eindringlingen abspielt.
Um ihre Gastfreundschaft kennen zu lernen, muss man die Strände verlassen und eigene Wege gehen. Man muss die sonnenheißen Ebenen hinaufziehen, wo die Korkeichen und die Oliven wachsen. Man muss durch die dornige Macchia streifen und ihren würzigen, je nach Jahreszeit ganz unterschiedlichen Duft einatmen.
Man muss die stillen, teilweise ausgetrockneten Quellen aufsuchen, welche einst über Leben und Tod entschieden haben. Erst dann wird man erfahren, dass Sardinien nicht nur ein Land der Buchten und Strände, aber auch nicht allein das Land der Sarden der Barbagia ist. Man wird erfahren, dass Sardinien eine Symbiose vielfältigster Kultureinflüsse wiederspiegelt, bei welcher es gar nicht möglich ist ein Pauschalverhalten der Einwohner auszumachen. Wer dazu bereit ist, nicht ausschließlich den konventionellen Weg eines vergnügungssüchtigen Touristen zu gehen, wird in diesem Land, welches Tausende von gut gehüteten Geheimnissen verbirgt, viele Entdeckungen machen und die ein oder andere Überraschung erleben.
Wer ab und an einen leichten Hauch von Revolution verspüren möchte, ist hier ebenfalls richtig und muss nicht unbedingt nach Cuba reisen. Auch in Sardinien rumort es immer wieder mal ein wenig. Wenn auch inzwischen eher auf parteipolitischer Ebene statt auf den Strassen. So endeten beispielsweise die sardischen Regionalwahlen Mitte der 80er Jahre in einem Eklat. Alle Linksparteien, Kommunisten und Sozialisten sammelten sich um die sardische Aktionspartei (Partito sardo d’Azione, PsdA) und schickten die Demokraten zum ersten Mal auf die Oppositionsbänke. Die italienische Festlandspresse tobte: „Separatismus, Umsturz, Terrorismus“. Und dies war kein einmaliger Ausrutscher. Bei den darauffolgenden Provinzwahlen bestätigten die sardischen Wähler ihre Absicht mit weiteren deutlichen Stimmanteilgewinnen für die sardische Aktionspartei.
Der völlige Zusammenbruch aller wesentlichen Entwicklungsprojekte der Nachkriegszeit hatte bereits um das Jahr 1975 jeden vierten Sarden in die Emigration getrieben. Die Erkenntnis, dass die Entwicklung auf dem Festland, vor allem im Norden, ihnen davonläuft, rief in vielen Sarden politische Unruhe, Protest und Zorn hervor. Es kristallisierte sich der Anspruch heraus, dass auf Sardinien sardische Politik gemacht werden müsse.
Dazu ist es allerdings nicht gekommen. Stattdessen nimmt Jahr für Jahr eine schleichend auftretende Resignation zu. Seit der zweiten Jahrtausendwende scheint diese Resignation überraschenderweise sogar stärker als der einst so rebellische Geist geworden zu sein. Deutliches Indiz hierfür ist ein überaus gutes Wahlergebnis für den an und für sich gehassten Norditaliener Berlusconi, welcher insbesondere auch durch die Sarden in seinem Amt bestätigt wurde. Ob dies daran liegt, dass die alten Sarden allmählich aussterben? Ob es daran liegt, dass die meisten Sarden überhaupt nicht zur Wahl gehen? Ob es daran liegt, dass sich immer mehr reiche Norditaliener in Sardinien breit gemacht haben?
Vielleicht ist es aber auch einfach nur Verbitterung, welche sich über Jahrzehnte, über Jahrhunderte aufgrund der verworrenen Geschichte des Landes herauskristallisierte und deren Bewohner prägte. Vielleicht wurde so langsam ein nihilistischer Grundton abweisender Verschlossenheit in die sardische Seele gelegt. Eine Seele, welche sich dem Besucher äußerst selten erschließt.
Diese Seele offenbart sich den Fremden gegebenenfalls auf den Wänden der Häuser in den Bergdörfern. Die Murales, die Wandmalereien, entstanden seit Ende der sechziger Jahre nach dem Vorbild mexikanischer Revolutionskünstler. Sie erzählen auf naive, aber eindringliche Weise von Gegenwartsproblemen, von Politik und Protest der Sarden. Sie haben ihre Sorgen einfach an die Wände gemalt und tun das immer noch.
Die Wände erzählen vom Schicksal derer, die ihre Dörfer verlassen oder ganz emigrieren mussten, auf der Flucht vor Armut und Arbeitslosigkeit und unter dem Zwang der römischen Zentralgewalt, die mit drakonischen Maßnahmen und Zwangsdeportationen der Aufsässigkeit und Kriminalität im Lande Herr zu werden versuchte und tief und heillos in die traditionellen Familienstrukturen hineingeschnitten hat.
Auf einer der Wände ist zu lesen: „Eines Tages werden wir wiederkommen, alle zusammen, 500 000 Schreie werden wie ein einziger Schrei den stummen Himmel Sardiniens zerreißen“.
Ein Tor, wer heutzutage noch an Revolutionen glaubt!? Zu wünschen wäre den Sarden die Rückkehr, die Unabhängigkeit, ja eventuell sogar die Rache an ihren Unterdrückern allemal.
Die Wände erzählen vom Kampf der Schäfer gegen die Einzäunung der Weiden durch die Großgrundbesitzer, vom Scheitern der Landreform und von der Landbeschlagnahmung durch die Nato.
„Besitzungen mit Mauern zugemauert, von denen gemacht, die am meisten stehlen können. Wenn der Himmel auf die Erde käme, würden sie auch ihn zumauern“ so lautet ein weiterer Vers des Zorns und der Verzweiflung welcher auf einer anderen Wand zu finden ist. Ein Fünftel der Insel ist inzwischen zu Truppenübungsgebiet umfunktioniert worden. Missbraucht durch das italienische Militär und die Nato. Natürlich dürfen die Amis da auch nicht fehlen. Diese stationieren ihre Atom-U-Boote ungefragt im Hafen von La Maddalena.
Überhaupt sind sich Sarden und Festland-Italiener nicht gerade wohl gesonnen. Keine anderen Besucher sind dem Sarden so unlieb, wie die geschmähten Norditaliener, welche in der Hauptsaison Jahr für Jahr wie die Heuschrecken einfallen und ungefähr das darstellen, was der profane Durchschnittsdeutsche auf Mallorca und seinen sonstigen Tummelplätzen repräsentiert. So ist Sardinien auf dem Papier zwar ein Teil Italiens, doch der Graben zwischen den beiden gegensätzlichen Kulturen ist immer noch tief. Sie seien eine Kolonie Italiens, murren die Sarden, trotz der wirtschaftlichen Unterstützung aus Rom. Sie wollen mehr mitreden, Zollfreigebiete, eigene Geldquellen – mit anderen Worten: Selbstbestimmung und wirkliche Autonomie.
1985 wurden 27 Sarden in einem spektakulären Prozess zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt – wegen eines „Komplotts zur Loslösung der Insel von Italien“. Die Festlanditaliener wiederum haben ihr Misstrauen gegen die Inselbewohner ebenfalls nie abgelegt. Cicero nannte sie „fellbekleidetete Banditen“, der große Dante meinte, sie machten die lateinische Sprache nach „wie Affen den Menschen“. Der Hochmut der Römer und Mailänder wurde selbst dann nicht geringer, als einige Sarden in Italien höchste Staatsämter erringen konnten. Auch wenn der handgreifliche Widerstand inzwischen anscheinend gebrochen ist, wird es dennoch immer ein zähes Ringen zwischen römischer Zentralgewalt und sardischem Starrsinn geben. Sie sprechen italienisch, aber sie denken sardisch, pflegt man in Rom zu sagen.
Die italienischen Medien nutzen noch heute jede sich bietende Gelegenheit, um Stimmung gegen Sardinien zu machen. So werden immer wieder Schreckensmeldungen über die einheimischen Banditen, über Entführungen und Morde an Industriellen (Yeah!), Blutrache und politischer Aufsässigkeit verbreitet, welche in dem dargestellten Ausmaße überhaupt nicht mehr stattfinden.
Also keine Angst, liebe Leser, die Sarden beißen nicht und wenn sie dann doch mal jemanden umbringen oder entführen, dann sicherlich keinen Punkrocker, sondern einen Menschen, der nach Geld stinkt oder Land rauben möchte. Solltet Ihr es tatsächlich in Erwägung ziehen, in nächster Zukunft dieses Land zu besuchen, wünsch ich euch bereits jetzt viel Spaß dabei. Ich bin mir sicher, dass ihr Sardinien nie mehr vergessen werdet. Vielleicht sieht man sich dort ja mal unverhofft in den Bergen, am Meer oder in einer schnuckeligen Taverne. Tipps, an welchen Orten es besonders schön ist, wo man auf alle Fälle mal hin muss, möchte ich euch an dieser Stelle so öffentlich nicht geben. Viel zu groß ist die Gefahr, dass immer mehr Krampen an den schönsten und einsamsten Plätzen auftauchen und aus diesen ein Dorado für semesterferienhabende Kurzzeit-Aussteiger fabrizieren.
Vereinzelte Anfragen zu dem Thema Sardinien werden bei eventueller Sympathie per E-Mail unter info@pankerknacker.de gerne beantwortet. Gehabt euch wohl!
Stefano Lussa della Knackina






6. February 2012