Bananendiebstahl in Neustadt – Muff Potter

27. November 2009

Sozusagen im Blindflug führte es uns eines schönen Abends ins 200 Kilometer entfernte Neustadt an der Weinstraße. Anlass dazu war ein Muff Potter-Konzert, welches uns mal wieder aussem beschaulichen Schwarzwald herauslocken sollte. Doch wie kommt der blöde Knack eigentlich auf Blindflug, werdet ihr euch jetzt vielleicht nicht mal zu Unrecht fragen. Blindflug deshalb, weil auf den Flyern stand, dass das Spektakel in einem gewissen Neustadt bei Mannheim stattfinden würde, wo es aber laut meiner veralteten Landkarte mindestens drei Städte solchen Namens gab.
Dieser Umstand machte mich bereits Nachmittags sichtlich nervös. Um Klarheit in die Geschichte zu bringen, versuchte ich noch kurzfristig nen Kollegen vonner Pogo Presse zu erreichen. Dies scheiterte jedoch daran, dass die Mannheimer Stachelköpfe am selben Abend ein eigenes Konzert im Juz Piranha mit Rennboot und Kollegen veranstalteten und besseres zu tun hatten als zu Hause auf ungebetete Anrufe zu warten.
Also blieb uns nix anderes übrig als ein bisken den Sherlock herauszuhängen und so zu tun als hätten wir vom Kombinieren ne Ahnung. So zählten wir eins und eins zusammen und kamen auf folgendes, brillantes Ergebnis:
Muff Potter sollten eigentlich schon bei dem „Rock das Schloss-Festival“ in Hambach auftreten, welches nur unweit von Neustadt an der Weinstraße entfernt liegt. Das taten sie damals aus unerklärlichen Gründen nicht, weswegen an ihrer Stelle die nicht ganz so tollen aber immer noch überdurchschnittlichen Boxhamsters einsprangen.
Da guckste, wa? Welch clevere Kerlchens sich hinter unseren Sauffressen verbergen. Matula wäre wahrlich stolz auf solch geniale Nachwuchs-Detektive gewesen. Was blieb uns nun anderes übrig als kurzerhand dorthin zu fahren, wo es statt Bier, wie der Name bereits andeutet, Wein geben sollte.
Und das obwohl wir nicht wirklich ne Ahnung davon hatten ob wir ins richtige Neustadt gondeln würden. Ziemlich risikoreich zumal wir schon wieder viel zu spät dran waren. Hinzu kam dass wir nach einigen Telefonaten davon ausgehen konnten, dass diesen mysteriösen Molokokeller eh keine Sau in dem Weinkaff kennen würde. Doch was blieb uns letztendlich anderes übrig um dem am selben Abend in Freiburg stattfindenden Exploited Konzert erfolgreich zu entfliehen? Insgeheim hofften wir außerdem darauf, dass sich Nagel seines Zeichens Rostkehlchen von Muff Potter, als Weinliebhaber von dem Geruch frisch gepresster Trauben anlocken ließe.
Jedenfalls trudelten wir kurz vor elf in dem anvisierten Kaff ein, wo uns – wie nicht anders erwartet – keiner der zahlreich vertretenen Böhse-Opelz-Prolls anner Tanke eine Webeschreibung zu dieser fuckin’ Milchbar geben konnte geschweige denn wollte.
Auf sinnlose Sucherei hatte ich an diesen Abend jedoch keinen Bock. Deshalb zog ich es nach einer halben Stunde erfolgloser Anpeilung bereits in Erwägung die 200 Kilometer wieder zurückzufahren, nochmals 100 draufzulegen um noch die letzten Akkorde vom doofen Watti und seinen Angestellten anzuschauen.
Quasi beim letzten Versuch, meinte ein freundlicher, älterer Herr, er würde uns zum ehemaligen Hardrockcafe führen, wo seit geraumer Zeit auch manchmal Konzerte wären.
Natürlich ging dies ebenfalls in die Hose, sprich, der Laden war stockdunkel.
Stirnrunzelnd meinte unser privater Fremdenführer, dass es ein paar Strassen weiter noch nen vesifften Jugendtreff gäbe, von dem er uns aber nur abraten könne. Anscheinend sollten da Punks und ähnliche Penner rumhängen und sich mit Haschgift den goldenen Schuss spritzen. „Das höre sich doch schon ganz gut an“, meinte Oma Promille und motivierte den alten Knaben uns dort hinzugeleiten. Kopfschüttelnd tat er dies und verabschiedete sich wenig später, nicht ohne uns nochmals mit erhobenem Zeigefinger vor dem Gesockse zu warnen. Mit einem artigen „Sieg Heil“ bedankten wir uns bei dem Pfälzer Hobby-Führer, parkten unser Vehikel ein und machten uns daran, schnell noch aus der mobilen Bar das ein oder andere Gläschen Wodka zu zapfen.
Vor dem Laden schien die Stimmung schon auf dem Siedepunkt zu sein. Es wurde gegrölt und gepöbelt, dass es eine wahre Wonne war.
Spätestens jetzt wussten wir, dass wir unseren Anker goldrichtig ausgeworfen hatten.
Wer in der Punk-Szene Flaschen voll Alkohol besitzt, bleibt bekanntlich nicht lange alleine.
Kaum setzten wir zum Toast auf die gelungene Anfahrt mit den Worten “Das wir den Keller finden, hab ich ja schon immer gewusst…” an, gesellte sich ein illustres Häufchen bunthaariger Schnapsnasen zu uns. Schnell wurde Blutsbrüderschaft getrunken und sich nach den ländlichen Sitten und Gebaren erkundet. Ein bisschen wundern mussten wir uns aufgrund des äußerst merkwürdig gemischten Völkchens dann schon: Zum einen hatten wir da die üblichen „Gegen-Nazis-Pulli-tragenden-Iro-Lullis“, zum anderen die armen Irren, der unentwegt „Oi! Oi! Oi!“ grölenden Pöbel und Gesocks-Fraktion. Dazu gesellten sich einige schicke Nietenkaiser, die wiederum Arm in Arm mit verlausten Rastafaris um die wette kifften. Natürlich blieben wir auch nicht von einer Abordnung der allgegenwärtigen Assipunks Marke Penner und deren Köter verschont. Jedenfalls passte das ganze überhaupt nicht zusammen. Bin mal gespannt wie lange die Kollegen dort wohl noch united sein werden. Andererseits ist es so allemal besser, als wenn sie meinen müssten, Punk bedeutet sich gegenseitig die Fresse einzukloppen.
Dass sie das täten dachte ich wenig später, als der Lärmpegel ins unermessliche stieg und Blaulicht begleitet der Notarzt vorfuhr. Doch alles halb so wild. Eine blutjunge Punkette hatte sich kurzzeitig ins Koma gesoffen, wurde von den Weißkitteln wieder reanimiert um kurz darauf fröhlich weiterzusaufen. Det lob ick mir. So gibt es allen Befürchtungen zum trotz eben doch noch anständigen Nachwuchs.
Auf den Schreck brachen wir erst mal die nächste Flasche Wodka an. Das wie Musik in den Ohren klingende Einschenkgeräusch des guten alten Gorbi, erfreute nicht nur uns, sondern auch nen schick befrackten Mitvierziger Schnauzbartträger, der sich plötzlich zu uns gesellte. Mit der Frage ob wir eine wunderschöne Frau in nem weißen Kleid gesehen hätten, begrüßte uns der stark lallende Südländer euphorisch. Die Alte wäre ihm nämlich im Suff abhanden gekommen, sprudelte es aus dem Berber bei nem gut eingeschenkten Becher Wodka heraus. Gregor schaltete als erster und erzählte dem Dubel dass seine Braut gerade nackt auf dem Tisch des Molokokellers tanzen würde. Entsetzt schaute Onkel Jürgen, als welchen sich der gute vorstellte, uns an und forderte auf den Schreck gleich nochmals nen doppelten Woddy. In der Hoffnung diesen noch völlig abzudichten schenkten wir bereitwillig nach. Nun trieb es Gregor wirklich auf die Spitze: Er suggerierte dem blauen Onkel, dass seine Frau sich nach ihrem Strip auf dem Tisch vor der Hochzeitsnacht nochmals so richtig von den im Keller anwesenden Punks durchvögeln lassen wolle, um später auch mal sagen zu können, sie hätte was vom Leben gehabt.
Das schien den Kerl jedoch nicht sonderlich zu stören. Einzige Reaktion war die erneute Forderung nach nem klaren Russischen. Diesen bekam er von uns selbstverständlich auffem Silbertablett serviert. Gekonnt exte er das Gesöff, rülpste laut und meinte dass die Welt jetzt doch schon wieder viel besser aussehe. Eigentlich vermisse er seine Braut kein Stück, so meinte er weiter, vielmehr fehle ihm sein Mercedes Cabrio, welches er irgendwo in dieser beschissenen Stadt abgestellt hätte. Die alles entscheidende Frage war nur wo. An den Standort konnte er sich beim besten Willen nicht mehr erinnern.
Daraufhin mussten wir ihm als verständnisvolle Punkrocker mit Sozialarbeiter Attitüde natürlich noch nen Becher anbieten, welchen er ohne mit der Wimper zu zücken in feinster Alkoholiker-Manier hinunterstürzte.
Wie ihr sicherlich wisst eilt uns der Ruf als die Sanitäter des Punkrocks weit voraus, so dass wir gar nicht anders konnten als ihm anzubieten, für eine kleine Gegenleistung gemeinsam mit ihm seine Karre zu suchen. Die Belohnung sollte ein gut situierter Job in seiner Firma, mit der er zuvor geprahlt hatte, sein.
Natürlich nur zu den besten Konditionen und mit der Gewährleistung keine körperlichen Arbeiten, außer vielleicht Sex im Büro mit der knackigen Sekretärin, ausüben zu müssen.
Darüber müsse er zuerst nachdenken und wie ginge das besser als bei nem gutem Tröpfchen Kartoffelschnaps, entgegnete er uns und schwups war das Schlückchen auch schon in seinem gierigen Schlund verschwunden. So langsam zeigte der Schnappes aber auch bei ihm Wirkung, wodurch er plötzlich vor uns Angst zu bekommen schien. Er stammelte noch etwas von danke für alles und zog breit wie ne Haubitze mit kräftigem Ausfallschritt torkelnd von dannen. Etwa zeitgleich machte sich vor dem Molokokeller eine Art Völkerwanderung bemerkbar. Zum einen verließen gut und gerne 40 bis 50 Leutchen den Konzertraum, zum anderen wanderte die in etwa gleiche Anzahl bisher nicht in Erscheinung getretener Bunthaariger an ihnen vorbei und enterte die verruchten Räumlichkeiten der Kanalisation.
Ein paar örtlich angesessene Punkrocker erzählten uns von der schrecklichen Vorband Rinderwahn oder DSE weswegen sie hier gewesen wären, und davon dass sie diese gebührend abgefeiert hätten und jetzt zufrieden nach hause gehen könnten.
So wie wir deren Aktion nicht verstehen konnten, verstanden diese Clowns nicht, dass wir über 200 Kilometer gefahren waren, um uns Muff Potter anzuschauen. Wer jetzt blöder war oder ist, verehrte Leser, könnt ihr ganz demokratisch für euch selbst entscheiden – allzu schwer dürfte es euch ja nicht fallen, oder täusch ich mich? Kopfschüttelnd latschten wir zum Eingang wo tatsächlich kein Eintritt mehr verlangt wurde. Das bestätigte dass die Dorfpunker alle wegen den begnadeten Vorbänds gekommen waren. „Äußerst Traurig – traurig aber wahr, traurig aber egal“, dachten wir uns und stürmten breit grinsend den Saal für lau, wo wir uns sofort unmittelbar vor der Bühne breit machten. Muff Potter hatten bereits mit dem ersten Song, einem Kracher des neuesten Albums, eröffnet. Ein für wahr großartiger Song, ich glaube es war „100 Kilo“ ließ uns alles um uns herum vergessen. Sogar der steht’s kritisch eingestellte Tommy war restlos begeistert. Nach dieser brillanten Demonstration deutschen Liedgutes musste sich das Publikum zuerst mal den bei Nagel aufgebauten Frust über die hier scheinbar herrschende Oi!- Attitüde anhören. Als jedoch kaum jemand auf seine „Pöbel & Gesocks“ – Schreie reagierte, merkte auch dieser, dass das Publikum merkwürdigerweise annähernd ausgetauscht war. Um etwas Stimmung in den müden Laden, der mittlerweile gespickt voll Rucksackpunks war, zu bringen, spendierte die Band nen Kasten Bier, bei dem sich jeder der schnell genug auf der Bühne war, bedienen konnte. Natürlich war unser steht’s durstiger und auf seinen finanziellen Engpass achtender Gregor mal wieder der erste, der sich nen herbes Pfälzer Pils ergatterte. Danach ging’s weiter mit ausnahmslos allen Hits der neuen Hammer-Platte. Zwischendurch gab’s auch mal den ein oder anderen Song der „Schrei wenn du brennst“ zu hören. Selbstverständlich durfte auch das allseits beliebte und oft missverstandene „schwule Säue“ Lied nicht fehlen. Wenn ich mich recht entsinne, gab’s von der ersten Platte nur einen einzigen Song zu hören, was angesichts der Tatsache dass die Debütplatte der Nordlichter mit Abstand die schlechteste war, aber keine Rolle spielte.
Zugute halten muss man den Jungs außerdem, dass sie obwohl sie ziemlich angepisst wirkten, einen großartigen Gig herunterspielten und sich den Spaß an ihrer Musik keineswegs von ein paar gehirnamputierter Vollspacken nehmen ließen.
Trotz der Kürze der Show, muss ich zungeschnalzend von nem lohneswerten Konzert sprechen. An diesem Abend konnte man endlich mal wieder die Floskel Qualität statt Quantität anbringen.
Wie gut der Gig und das neue Album von Muff Potter wirklich war bzw. ist sieht man schon allein daran, dass ich mir die LP obwohl schon im Besitz in Form einer CD ein zweites mal gekauft habe. So ein Schätzchen muss man einfach trotz des potthässlichen Frontcovers für die Ewigkeit auf Vinyl eingeritzt besitzen.
Des weiteren währen die vier Helden heute zu der Ehre gekommen, ihr Button an meiner Jacke hängen zu haben, was sie aber durch inkompetentes Merching bravourös zu verhindern wussten.
Nach Einholung einer detaillierten Wegbeschreibung über den Verlauf der Promillegässchen beim Wirt, sammelten wir den in der Ecke liegenden Gregor ein, plauderten noch kurz mit den netten Kollegen vom „Feel Lucky, Punk?“ – Zine und fuhren unter den poppigen Klängen der genialen Adicts gen Heimat.
Auf der Rückfahrt fickte mich leider nicht Oma Promille, die schnarchend auf dem Beifahrersitz lag, sondern zweimal innerhalb 7 Minuten ein beschissener Starenkasten, was zur Folge hatte dass ich 6 Wochen später ein Gesamtbußgeld von 180 DM berappen musste.
Vielleicht ist es aus eurem Blickwinkel gesehen sehr dumm sich innerhalb einem so kurzen Zeitabschnitt zweimal blitzen zu lassen, doch dem muss ich entgegen halten, dass mein Alkoholbedürfnis und der Drang im heimischen Limba noch ordentlich einen über den Durst zu trinken viel zu groß war, und ich deshalb verständlicherweise keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen konnte. Ihr könnt doch bestimmt nachvollziehen, dass es nicht leicht für den zum Fahrer degradierten Knack war, über den ganzen Abend verteilt gerade mal 4 Becher Wodka und drei Flaschen Bier zu trinken.
In diesem Sinne Oi! Oi! Oi!
Opa Knack

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7. February 2012

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