Jess Jochimsen – Der poetische Bademeister
31. März 2010
Ich gehe gern ins Freibad. Nicht, um zu schwimmen. Schwimmen nein, Freibad gern. Ich gehe dahin, um Menschen anzugucken. Das tut mir gut. Ich suche mir immer so ein, zwei Leute aus und die schaue ich an. Ich gebe ihnen Namen, denke mir ihre Geschichte aus und gehe wieder heim. Das kann zum Beispiel der poetische Bademeister sein, Hans-Peter, wie ich ihn nenne, Hans-Peter, der immer braungebrannt auf seinem Hochstuhl sitzt und alle zwei Minuten brüllt: „Nicht von den Längsseiten reinspringen!“ Da denke ich mir: Wahrscheinlich würde der viel lieber ein Rilke-Gedicht aufsagen oder zumindest: „Macht doch, was ihr wollt, aber glaubt ja nicht, dass ich euch da rausfische.“ Ich habe den nämlich noch nie im Wasser gesehen, noch nie, ich glaube sogar, dass der gar nicht schwimmen kann. So was denke ich: Hans-Peter leidet wie ein Hund, weil er nicht Dichter geworden ist oder Bibliotheksangestellter. Stattdessen muss er Bademeister sein und kann gar nicht schwimmen. Und er hat natürlich tierisch Schiss, dass jemand absäuft, weil dann müsste er den retten und kann nicht und dann wissen alle Bescheid und er bekommt total Ärger mit seiner Mutter, bei der er immer noch wohnt und der er immer Rilke-Gedichte aufsagt. Deswegen brüllt er in einer Tour… So Zeug denke ich.
Diesmal aber beobachtete ich wen anderes: Zwei Schwimmer. Der erste war ein altersloser, bleicher Typ mit Badekappe, der völlig akkurat seine Bahnen zog. Ich wusste gleich: Er heißt Horst, ist Buchhalter und hat keine Freunde. Der andere Schwimmer war eine Oma. Eine dieser sagenhaften, dicken Freibad-Omas, die mit einem Schwimmstil das Wasser durchpflügen, wie er kurz nach dem 30jährigen Krieg aus der Mode gekommen ist. Mit so ganz hoch erhobenem Kopf damit die Frisur nicht nass wird. Und diese Frisur… ein Kunstwerk. Rechteckig, ja wolkenkratzergleich in die Höhe onduliert und in bizarrem lila schimmernd. Miss Marple trifft Marge Simpson. Und einen Blick hatte die Oma. Irgendwas zwischen: „Draussen nur Kännchen“ und „Kommt mir bloß nicht zu nahe“. Horst, der Buchhalter, aber kam ihr immer näher, weil sie die Spur nicht ganz halten konnte und so ausladend schwamm.
Gleich passiert’s, dachte ich. Hans-Peter sah nicht hin – aus Angst wahrscheinlich. „Nicht von den Längsseiten reinspringen!“ Ich dagegen guckte zu.
Einmal verfehlten sich Horst und die Oma noch, aber bei der nächsten Bahn stießen sie dann zusammen. SCHLUMP! Buchhalter-Badekappe rammt lila-Haar-Bollwerk. Und das legte los: „Können Sie nicht aufpassen, Sie unverschämter Lümmel, Sie Verbrecher, früher hätte man so was wie Sie weggesperrt.“ Horst, der Buchhalter sah sie an, und ich wusste sofort , bei dem ist das Mass voll, der hat sein ganzes Leben lang immer nur gebuckelt, der hat sich noch nie gewehrt, und jetzt tut er’s. Er griff ihr zwei Klafter tief in die Frisur und tunkte sie unter Wasser. Einfach so. Kommentarlos. Zack. Ich habe sowas noch nie gesehen, es war so unerhört und doch so grossartig. Es schienen mir Minuten zu vergehen, bis die Oma endlich wieder auftauchte… Horst zog da längst schon wieder ruhig seine Bahnen. Die Oma stieg wutschnaubend aus dem Wasser.
„Verfolgen Sie diesen Mann“, schrie sie Hans-Peter, dem Bademeister zu.
„Das kann ich nicht“, entgegnete der.
Da weinte die Oma und ihre lila Haarpracht pappte verloren an ihrem Kopf. Hans-Peter nahm sie bei der Hand, legte ihr sein Badetuch um die Schultern und mir war, als flüsterte er: „Mögen Sie Rilke?“
7. February 2012