Meinem Baby sein Baby
17. November 2009
Donnerstagabend im Travolta in der Wienerstrassße. Drei Mann am Kicker, vier Mäaedels auf dem Sofa und Gerd poliert sich hinterm Tresen die Fingernaeägel. Ich bestelle mir ein Bier vom Fass, gäaehne und lasse mich auf einen Barhocker fallen.
Nanu? Was piekt mich da in den Hintern? Es ist eine Niete, angebracht auf einer Lederjacke, die ich schon lange kenne. Zurüueckgelassen dort, wo mein Arsch hingehoeört. Aber wo ist ihr Besitzer?
„Der Opa ist auf dem Klo“.“ Gerd sieht nicht mal von seiner Nagelfeile hoch. „„Ich schmeißss den sowieso gleich raus“.“
„„Spinnt er wieder?““ Ich wuchte die Jacke auf einen anderen Hocker.
“„Ist doch immer dasselbe, wenn der gesoffen hat. Wenn sein Heft wieder mal draußssen ist, gibt er nicht eher Ruhe, bis er nicht dreimal in unsere Pflanze gekotzt hat“.“ Gerds Hand macht eine Bewegung in Richtung Benjaminus Ficcus, als ob er einen Rettungsschmetterling dorthin schicken wollte.
„“Dabei will er doch gar nicht hier sein. Habe ich ihn nicht erst letzte Woche krakeelen hoeören, er haeätte hier in dieser Schwabengegend nichts mehr zu suchen?““ Mein Blick liegt wie ein Fragezeichen auf dem Benjaminus, mit so einem Jammertal von vollgekotzter Pflanze teile ich also meinen Namen.
„“Was weissß denn ich, soll er doch gehen.“ Gerd sieht an mir vorbei und ich sehe, wie sich seine Hand um die Nagelfeile schließsst, als waeäre sie ein Dolch: „
“Achtung, er kommt““ …
Überflüssig, das zu erwähnen, denn ich habe Knacks Hand schon auf meiner Schulter.
„Benaltesaus!“
„Knack, wie geht’s?“ Er sieht aus, wie einmal durch den Wolf gedreht, hebt das Glas zum prosten und anscheinend sind wir schon mitten im Thema. Welches auch immer.
Gerd wendet sich ab. Seiner Freude, den Lückenfüllerjob für den Alten an mich abgegeben zu haben, verleiht er Ausdruck, indem er die Playtaste der Fernbedienung drückt und so finden wir uns wieder, am Donnerstagabend, ein Bier in der Hand, die Ellbogen auf dem Tresen und hören Bobby McFerrin. Das Leben ist schön.
„Du wirst mir nicht glauben, was mir neulich passiert ist“, Knack fingert nach meinem Tabak. „Du wirst es einfach nicht glauben können!“
„Ist es wieder die Ich-bin-ins-Baustellenloch-gefallen-Geschichte?“
„Quatsch, jetzt lass mich doch mal erzählen, nie fragst Du nach, wenn ich versuche, es spannend zu machen. Frag nach!“
„Was werde ich nicht glauben?“
„Oh Mann, ich komm neulich nach Hause und hab einen Strafzettel im Briefkasten.“
„Ich kann’s nicht glauben.“
„Das ist doch erst der Anfang“, Knack macht mit dem Daumen wilde Bewegungen in der Luft, was heißen soll, dass er Feuer braucht.
„Du weißt doch, dass mein Motorrad in Sardinien steht. Und jetzt schicken die mir einen Strafzettel nach Hause, in dem steht, dass mein Motorrad vor einer Woche im Parkverbot vor dem Walfisch in Freiburg stand.“
„Mysteriös“, ich versuche, ihm Feuer zu geben, aber Knack fuchtelt mit seiner Zigarette in der Luft herum und bemerkt es nicht.
„Dreißig Euro! Ich dachte ich spinne! Ich rufe die Bullen an, sage denen, das Motorrad ist im Ausland abgestellt und die dann »Stop, Kommando zurück, alles falsch, wir haben einfach das Kennzeichen verwechselt. Statt FR-OI-9 nämlich FR-O-19.« Okay sag ich, alles klar, nichts für ungut.“
„Na dann ist ja alles noch mal gut ausgegangen“, endlich nimmt er mein Feuer, bekommt es aber nicht angezündet. Ich nehme es ihm aus der Hand und erledige die Sache mit der Zigarette für ihn. In Gedanken schon beim nächsten Gesprächsthema.
„Bis dahin schon! Ich also, vor Erleichterung ganz glücklich, rufe einen Kumpel in Sardinien an und erkundige mich nach meinem Motorrad. Wer weiß, vielleicht hat es jemand geklaut, stand ja auf einem öffentlichen Parkplatz. Und ist ja auch ein ganz schöner Zufall, dass ausgerechnet vor dem Walfisch ein Motorrad mit fast gleichem Kennzeichen auftaucht.“
„Und?“
„Der Kumpel sagt, das Motorrad steht nicht mehr da. Einfach so. Erzählt mir, als geht es ums Wetter, mein Baby ist weg, als ob ich es geahnt hätte! Hätte ich diesen Strafzettel nicht bekommen, hätte ich das nie erfahren!“ Knack schnappt nach Luft. Ich bestelle noch zwei Bier.
„Scheint ja doch ne interessante Geschichte zu werden.“
„Jetzt pass mal auf: Ich kaufe mir also sofort ein Flugticket, One-Way und ab nach Sardinien. Und kaum bin ich dort, als erstes zum Parkplatz und: Tatsache, das Ding ist nicht mehr da. Mein Baby! Du hättest mich mal sehen sollen, die Leute dort dachten bestimmt, ich sei Kinski oder so.“
„Ich kann es mir vorstellen. Und dann?“
„Der Parkplatz, auf dem ich das Ding abgestellt hatte, liegt direkt neben der Bullerei. Ich hatte es eilig, als ich zum letzten Mal da war und dachte mir, da ist es am Sichersten. Ich mit rotem Kopf in die Wache gestürmt und denen mit Händen und Füßen erzählt, was Sache ist. Und die, in aller Seelenruhe, teilen mir mit Hilfe des Googleübersetzers mit, dass sie mein Baby abgeschleppt haben.
Fahrzeugverwahrungspark. Und warum? Weil in Italien anscheinend kein Fahrzeug länger als zehn Tage auf einem öffentlichen Parkplatz in Strandnähe stehen darf. Ich dachte, gleich platzt mir der Sack, sag ich Dir, ich dachte, gleich gibt das hier nen Mord!“
„Scheiße. Und die haben dich nicht angeschrieben, um dir das mitzuteilen?“ Gerd meldet sich zu Wort, er hat sich wieder näher zu uns gesetzt. Er schiebt uns zwei Mexikaner über die Theke.
„Ach ja“, denke ich, „kaum hat der alte Besoffski was Lustiges zu erzählen, ist plötzlich alle Lästerei vergeben.“ Aber dann wird mir klar, dass ich auch nicht besser bin.
„Nee, haben sie nicht!“ Knack wird etwas lauter, anscheinend nicht sein erster Schnaps heute und das Thema ist keines für die katholische Kniebank.
„Ihr wisst doch, dass ich keinen Führerschein mehr habe. Außerdem, und das ist ja die dickste Ironie, hatten die denselben Zahlendreher, wie die Bullen in Freiburg. Der Teufel hat sein Häufchen darauf gesetzt! Die dachten, da lässt jemand seine Kiste stehen und spart sich die Kosten für den Schrottplatz! Aber nicht mit mir, sag ich euch, nicht mit meinem Baby!“
„Wie ging es weiter?“
„Ich hab natürlich versucht, die zu bestechen. Die wollten 400 Steine alleine für die „Parkgebühr“ und dann noch mal knapp dreihundert Strafe. Ich habe denen 250 Euro geboten und es hätte auch fast geklappt…“ Knack sieht an uns vorbei zum Fenster und winkt irgendwem, der gerade vorbei geht.
„Aber?“ Gerd und ich im Chor.
„Ich hatte nicht mehr so viel! Ich habe alles für den Rückflug hingeblättert, irgendwie muss ich ja auch wieder nach Hause kommen!“
„Oh Mann!“
„Kannst Du laut sagen. Ich habe dann noch ein paar Versuche gestartet, aber da war nichts mehr zu machen.“ Knack reibt seine Finger, als ob er uns salzen will. „Ohne Moos… die haben das nicht nötig da unten. Dabei habe ich überhaupt nichts gemacht! Nichts!
Wieder zuhause bin ich natürlich sofort zur Anwältin, die schreibt denen da unten einen Brief und ihr glaubt mir nicht, was die eine Woche später zurück schreiben. Ihr glaubt es nicht!“
„Machs nicht so spannend“, Gerd schenkt uns noch einen Schnaps ein.
„Ich hab’s hier, den ganzen Schrieb, ich trage ihn seitdem immer mit mir rum, das glaubt mir doch sonst keiner!“ Knack kramt mit der einen Hand in den Tiefen seiner Lederjacke, die andere kippt den Schnaps. Triumphierend hält er einen Zettel hoch, der aussieht, als wäre es der Personalausweis von Ötzi, mit dem sich jemand den Hintern abgewischt hat. Gerd und ich beugen uns über den Zettel und Gerd liest laut vor:
„BETRIFFT EINGETRAGENER
BUCHSTABE R.R.:
Gegenstand Träger FR-OI-9
Zurücknahmeverpflichtung
Mit dem geschenk, das an es, dass es beim Lügen nahe dem depositeria der Firma MOICA MADDALENA ist,
verschickend Sie in Olbia innen über Ägypten N. erinnert wird. 6, Telefon … der Träger angezeigt im gegenstand. Entsprechend der kunst. 1, Codcil 3 des D.P.R. 189/2001,
wenn besagter Träger es innerhalb neunzig Tage nicht von der Aufnahme des geschenkes das gleiche zurückgenommen kommt, kommt betrachtet was und es verlassen, zur Entfremdung vom guten mit Unkosten zur Ladung des S.V. fortgefahren wird.
Zuverlässig Ihr
DIE VERANTWORTLICHE BEREICH POLIZEI.“
„Nicht zu fassen“, sage ich. Knack bestellt noch einen Schnaps. Er kann fast nicht mehr geradeaus schauen und in seinen Mundwinkeln blitzt Speichelschaum.
„Meine Anwältin hat sich totgelacht. Jedenfalls räumte sie mir nicht besonders viele Chancen ein. Ich müsste das Ding hier beglaubigen lassen, wenn ich hier vor Gericht will. Und die könnten es immer noch wegen „Aussichtslos“ fallen lassen.“
„Zumal Du keinen Führerschein hast“, Gerd faltet den Brief, als ob es sich noch lohnen könnte.
„Das kommt noch dazu“, Knacks Stimme überschlägt sich. „Die würden mich hier noch einbuchten, weil ich in Sardinien schwarz rumgebrettert bin! Aber Steuer und Versicherung darf ich noch zahlen“, er schlägt sich mit der flachen Hand an die Stirn, „für ein Motorrad, das für mich nicht mehr existiert, aber zahlen darf ich dafür, wahrscheinlich bis an mein Lebensende!“
„Wenn Du so weiter machst, dauert das ja nicht mehr so lange.“
„Schöner Trost!“ Wir sind also in der Jammerphase angelangt. Gleich kommt die Wut.
„Aber ich sag Euch eins: Ich hole mir das Ding zurück. Ivana hat einen ganzen Schrank voller Knarren, die hat sogar einen Flammenwerfer, als ich ihr diese Geschichte erzählt habe, wisst ihr, was sie gesagt hat?“
Wir schütteln die Köpfe.
„Wenn jemandem meinem Baby sein Baby klaut, hat sie gesagt“, er hat jetzt fast Tränen in den Augen. „Wenn einer meinem Baby sein Baby klaut, dann hole ich meinem Baby sein Baby zurück!“
„Das ist ja romantisch“, Gerd klopft Knack auf die Schulter. „Meinem Baby sein Baby, das ist gut.“
Ich verberge mein Grinsen.
„Sie hat sogar einen Flammenwerfer“, wiederholt Knack. „Ich würde mich nicht wundern, wenn sie nicht im Moment sogar da unten ist. Ach, mein Baby…“
In meinem Kopf erscheint ein Bild, ich könnte wetten, wir denken in diesem Moment alle drei dasselbe. Eine Baracke in Italien, Stille, plötzlich ein Feuerball, überall Splitter in der Luft, ich rieche die Explosion, Menschen schreien ihren Extremitäten hinterher, die sich auf dem Boden verteilen und dann ein Motorengeräusch und aus dem Inferno schanzt ein Motorrad auf uns zu. Ivana schwenkt den Flammenwerfer, zündet sich im Vorbeifahren damit ihre Zigarette an und weg ist sie, während wir bleiben und auf den Abspann warten… Einen Moment lang glotzen drei Halbnarkoleptiker mit offenen Mündern auf die Theke.
„Okay“, Gerd schlägt mit der Hand auf den Tresen. „Ich geb einen aus. Auf dein Motorrad und auf dein Baby!“
Die Kneipe ist immer noch so leer wie vorhin. Das Travolta ist auch nicht mehr das, was es mal war. Die ganze Wiener Straße ist nicht mehr das, was sie mal war.
Knack rutscht vom Hocker und geht zur nächsten Sitzung aufs Klo.
„Trinkt mir nicht alles weg.“
Gerd und ich zwinkern uns zu und heben die Gläser.
„Und was gibt’s bei Dir Neues?“ frage ich.
„Gar nichts und bei Dir?“
„Auch nichts. Nichts, was jetzt noch lustig wäre.“
Gerd drückt auf die Playtaste und in unser Grinsen mischt sich wieder einmal Bobby McFerrin. Das Leben ist schön.
auf dein Baby!“
Die Kneipe ist immer noch so leer wie vorhin. Das Travolta ist auch nicht mehr das, was es mal war. Die ganze Wiener Straße ist nicht mehr das, was sie mal war.
Knack rutscht vom Hocker und geht zur nächsten Sitzung aufs Klo.
„Trinkt mir nicht alles weg.“
Gerd und ich zwinkern uns zu und heben die Gläser.
„Und was gibt’s bei Dir Neues?“ frage ich.
„Gar nichts und bei Dir?“
„Auch nichts. Nichts, was jetzt noch lustig wäre.“
Gerd drückt auf die Playtaste und in unser Grinsen mischt sich wieder einmal Bobby McFerrin. Das Leben ist schön.






6. February 2012