Asoziale Unruhen stiften

Asoziale Unruhen stiften

8. November 2009

Der Begriff soziale Unruhe dürfte wohl ein heißer Kandidat auf das Unwort des Jahres sein. Zumindest deutet die derzeitige Medienpräsenz stark darauf hin.
Hartnäckig wird gefragt bzw. kolportiert ob und wer alles in welcher Form Angst vor sozialen Unruhen haben sollte, gar haben mueüsse.
Einmal mehr wird bewusst mit der Angst der Bevölkerung gespielt um diese spaeäter als üueberaus nützliches Argument fueür das eigentliche, ansonsten nicht durchsetzbare Vorhaben zu benutzen.
Ein Schema das nach wie vor zu greifen scheint.
Zuletzt nachhaltig mit der Durchsetzung von Menschenrechtsverachtendem Kokolores wie der totalen ÜUeberwachung des glaeäsernen Bundesbueürgers bewiesen.

Wie gut das funktioniert sieht man an der Akzeptanz durch die breite Masse, welche sich scheinbar einen feuchten Kehricht darum schert, tagtäglich auf dem Schirm des Verfassungsschutzes mit heruntergelassenen Hosen Spalier zu stehen.

Mal ehrlich. Kein Mensch hatte vor der Thematisierung durch Schäuble, Beckmann und Konsorten ernsthaft mit Terroranschlägen in Hinterkleinkleckersdorf gerechnet. Kein Mensch außer ein paar auf LSD hängen gebliebener Großmütter, welche sich seit ihrem Trip nicht mehr aus dem Haus trauen, sich stattdessen in ihren Wohnstuben verbarrikadieren um dort den Bravo-Starschnitt eines paranoid veranlagten Innenministers anzubeten.
Mal ganz davon abgesehen, dass dieser Innenminister, dass dieses gewiefte kleine Kerlchen gar nicht so paranoid ist, wie er es seinem Fußvolk lang und breit verklickert. Ganz im Gegenteil, hinter vorgehaltener Hand lacht der sich mit seinen Kumpels im Versehrten-Puff über die Leichtgläubigkeit des gemeinen Pöbels schlapp.
Gewitzt inszeniert er sein Spielchen, instrumentalisiert, suggeriert und kolportiert dass es eine wahre Wonne ist.
Nach getaner Propaganda verfolgt er zufrieden den Lauf der Dinge und stellt fest dass sein Ziel wie geplant zum Selbstläufer avanciert.

Und hier schließt sich der Kreis: Ähnlich verhält es sich mit der so genannten Angst vor sozialen Unruhen. Auch hier sind etliche Parallelen erkennbar.

Bevor diese nämlich durch bewusstes rhetorisches Geschick, durch Suggestivfragen in die geistige Unterschicht hineinkolportiert wurde, war sie überhaupt nicht vorhanden.
Warum auch?
Warum soll ein profaner Mensch plötzlich aus heiterem Himmel Angst vor sozialen Unruhen entwickeln? Ein Denkansatz der bar jeder Logik den Kopf schütteln lässt.
Oder verspüren Wildschweine mittlerweile auch Angst vor militanten Vegetariern?

Was will man überhaupt mit dem Begriff soziale Unruhen zum Ausdruck bringen?
Will man den Menschen fürwahr eintrichtern, dass die sozial Unzufriedenen aus Frustration ihre Mitmenschen angreifen, mit welchen sie zuvor noch gefeiert haben? Will man den Menschen tatsächlich einreden, dass  sie sich nicht mehr vor die Tür trauen können?
Scheinbar.
Doch aus welchem Grund?
Vermutlich aus dem selben Grund warum Cesar Brot und Spiele erfunden hat. Um die Menschen ruhig zu stellen. Bleiben diese erst artig zu Hause, entladen sie ihre subversive Energie schön brav an der Playstation oder beim Spieleabend im Kreise ihrer Liebsten.
Vermutlich aber auch um einen Keil zwischen die Mitmenschen und deren gegenseitige Solidarität zu treiben.
Und auch das funktioniert. Kaum ausgesprochen, fangen viele davon an den Humbug zu glauben und wiederzukäuen.
Dass im Grunde aber nur die oberen Zehntausend berechtigten Anlass zur Angst vor sozialen Unruhen haben müssen, wird bewusst unter den Teppich gekehrt.
Stattdessen wird aus der Intension heraus, die Unterschicht möge sich gegenseitig zermalmen zur Solidarisierung gegen die angeblichen Unruhestifter aufgerufen.

Dabei schlummert die Angst vor sozialen Unruhen mitnichten in dem Durchschnittstypen von nebenan, wie es uns so gerne suggeriert wird, sondern ganz alleine in jenen Spacken, welche von diesem verkackten Schweinegeschäft profitieren und sich von ihren devoten Gespielinnen genüsslich die Trauben in den Mund reichen lassen. Und das wohlgemerkt, während auf der anderen Seite einer nach dem anderen über die Klinge springt.

Die Angst, welche bei den verarmten Menschen tatsächlich umgeht, wird hingegen gekonnt ignoriert. Dass diese Menschen schlicht und ergreifend Angst haben noch weiter an den sozialen Rand gedrängt zu werden bzw. durch das so genannte soziale Netz zu fallen, wird bewusst nicht thematisiert. Dass diese Menschen einfach nur frustriert sind, weil man sie öffentlich demütigt und schikaniert will keiner sehen, geschweige denn verantworten.
Und das obwohl dies teilweise sogar auf Anordnung geschieht. Beispielsweise in den Jobcentern der Arge, wo nicht gerade wenige arme Teufel, welche nicht über den Wissenstand der Rechtslage verfügen, beziehungsweise rhetorisch zu unbedarft sind um sich zu wehren, bewusst schlecht, herablassend, menschenverachtend ohne jeglichen Respekt behandelt werden. Einzig und allein aus dem Beweggrund sie zur Selbstaufgabe zu zwingen. Um sie davon abzubringen, immer und immer wieder zu der Stätte des Grauens zurückzukehren, um dort für ihr Grundrecht der Sozialhilfe zu kämpfen. Aus kaltem wirtschaftlichem Kalkül wird ihnen so lange ins Gesicht gespuckt, bis sie sich dafür entscheiden, das nicht länger hinzunehmen. Für keine Sozialhilfe der Welt.

Liest man in diesem Zusammenhang, es müsse vermieden werden soziale Unruhe zu stiften, fragt man sich nicht zu Unecht, in welcher Welt die Verfasser dieser Worte eigentlich leben.
Scheinheiliger geht’s ja echt nimmer. Denken diese Herrschaften tatsächlich dass der Pöbel so dumm ist, das zu durchschauen? Das zu schlucken?

Keine Frage, es brodelt im Untergrund. Es brodelt in der Unterschicht.
Dafür verantwortlich sind aber keineswegs die Menschen, welche von der Misere betroffen sind, sondern die Mächtigen, die die Unterschicht geplant gegen die Wand fahren lassen.
Da bedarf es verdammt noch mal keinen Sündenbock, der angeblich zusätzlich soziale Unruhen stiftet.
Richtig ist, soziale Unruhe sind durchaus spürbar und nicht wegzureden. Richtig ist aber auch, diese soziale Unruhen sind schlicht und ergreifend das Ergebnis eines asozialen Umgangs mit der Unterschicht.
In Armut leben ist die eine Sache. Ohne Zaster glücklich zu sein liegt durchaus im Bereich des möglichen, obendrein aber noch in seiner Abhängigkeit gedemütigt und schikaniert zu werden, ist eine andere Sache und wird mit Sicherheit nicht mehr lange gut gehen. Da hilft dann auch keine Security und Polizei mehr weiter. Wird die Frustration weiterhin dermaßen gefördert und die Unzufriedenheit geschürt, braucht sich keiner wundern, wenn es in absehbarer Zeit zum großen Clash kommt.
Vielleicht ist das sogar ganz gut so. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass die soziale Unterschicht sich mal etwas zusammenreißt, der Blödzeitung zum Trotz mit Seinesgleichen zusammensteht und zur Abwechslung mal nach oben boxt anstatt wie gewohnt lediglich nach unten zu treten oder den Ellenbogen auszufahren.
Allmählich scheint tatsächlich ein Ruck durch die Bevölkerung zu gehen. Ein Ruck an den ich bei diesen hier lebenden Herdentieren schon gar nicht mehr geglaubt habe. Ein Hauch von Gewalt liegt in der Luft. Ein Hauch von Gewalt den ich, auch wenn das sehr polemisch klingt, nur begrüßen kann.
Wer über Jahre Angst, Druck, Neid und Hass säht, muss sich nicht wundern, wenn es ihm eines Tages die Ernte verhagelt.

Und wer weiß, vielleicht ertappst ja auch du dich schon bald dabei, beim Kreuzzug gegen die Häuser der Reichen dabei zu sein. Vielleicht fällt auch bei dir eines Tages der Groschen und lässt dich für einen Moment deine Allerweltsprobleme, deine eigene Eitelkeit, deine internen Szenestreitereien vergessen um dir etwas Luft zu verschaffen. Luft nach oben ist auf alle Fälle vorhanden.
Mach kaputt, was dich kaputt macht! Auf einen revolutionären Sommer der Liebe.

Saluti forza Canut,
Stefano Stiletti

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3. September 2010

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