Feuchtgebiete trockenlegen

Feuchtgebiete trockenlegen

8. November 2009

Irgendwie bin ich in der Domstadt gestrandet. Zugverspaetung, dann Totalausfall, den Termin verpasst, Wochenende im Arsch. Zu Fuss durch die Nacht und auf eigene Kosten nach einem billigen Hotel suchend, werde ich nicht fuendig. Egal, Sommer! denke ich und miete ein Schliessfach fuer meine Habseligkeiten, taetige alle wichtigen Telefonate und mache mich auf zum Sonic Ballroom. Vielleicht findet dort ein Konzert statt, hoffe ich, erwische aber den einzigen Abend ohne Unterhaltungsprogramm. Dafuer wird Koelsch gekippt.

Dünne Reagenzgläser gefüllt mit Inhalt, der an der eigenen Lethargie kratzt. Wie ein Jucken auf der Seele. Ein Typ mittleren Alters sitzt neben mir, stürzt betrübt Schnäpse und wir kommen ins Gespräch. Er sei Philosoph, sagt er mir und ich entgegne, dass ich auch häufig beim Saufen philosophiere. Er seufzt und säuft. Das höre er öfter, vor allem in Kneipen, murmelte er in Richtung der drei Reagenzgläser vor ihm.
Ich entschuldige mich, bemerke eher als Kompliment gemeint, dass er mich an jemanden aus dem Fernsehen erinnert. Wieder ein tiefes Seufzen. Dann zieht er einen Schnaps und das letzte Glas Kölsch leer. „Das höre ich auch häufiger“, murmelt er. Sollte ich ihm jetzt sagen, dass er mich an Roger Willemsen erinnert?
Mein Bier braucht eine letzte Widmung, dann ist es leer. Bier ist nicht die Aufmerksamkeit wert, die man es ihm häufig schenkt. Kölsch noch weniger. Also entscheide ich mich, zu zahlen, mir ein sommerliches Plätzchen am Rhein zu suchen und auf einer Parkbank ein paar Stunden Schlaf zu finden, um mich am nächsten Tag in Richtung Heimat aufzumachen. Beim Rausgehen spüre ich den Alkohol und denke mir: „Scheiße, jetzt biste angefixt.“ Also auf dem Weg zur U-Bahn noch ein Zwischenstopp am nächsten Kiosk, wo ich zwei große Bier bestelle. Dann weiter in Richtung U-Bahn, wo der Roger Willemsen-Verschnitt schon steht und sich mit einer zierlichen Emo-Tussie mittleren Alters unterhält. Sie ist eine Mischung aus Klischee-Betty, 80er Heroin-Victim und Emily the Strange. Die Bahn kommt und ich steige ein, setze mich auf einen freien Vierer und die beiden sich mir gegenüber.
Bevor die Türen schließen springt noch jemand in die Bahn. HipHop dröhnt aus seinem Stereo-Handy. Ich blicke mich wütend um, doch er scheint zu breit zu sein. Im Schlepptau zwei Blondinen, die er wohl gerade erst abgeschleppt hat. Roger und Emily the Strange unterhalten sich derweil über deutsche Fernsehproduktionen. Ich nippe an meinem Bier.
„Hier ist Alkohol trinken verboten“, meint die Tussie.
„Mir egal!“ entgegne ich.
Roger schaut mich an. „Kenn ich dich nicht? Machst du Fernsehen?“ Er scheint breit zu sein und unsere Begegnung im Sonic Ballroom vergessen zu haben. Ich schüttele den Kopf.
Dann biete ich ihm aber eines meiner Biere an, da ich sehe, wie drei Türsteher-Typen reinkommen und Leute mit Bierflaschen rauswerfen. Ich verstecke meine. Roger bedankt sich noch, als einer der Kontrolettis ihm auf die Schulter haut.
„Hier ist Endstation, Du Penner.“ Roger winselt erschrocken. Ich grinse und innerlich berste ich fast vor Lachen. Meine Zunge bekommt Abdrücke von meinen Zähnen, die sich hineinbohren.
„Und Du, Punk“, einer der Kontrollettis zeigt auf mich, „Du fliegst auch raus. Dein Bier haben wir auch gesehen. Hier ist nix mit Saufen.“
Bevor ich mich beschweren kann, spricht Emily the Strange: „Das macht nichts. Wir sind eh da.“ Wir?
Die Kontrolettis schmeißen uns mit samt dem Bier raus ohne auch nur einmal nach den nicht vorhandenen Tickets zu fragen. Ich realisiere, billig weggekommen zu sein und trinke mein Bier draußen genüsslich weiter. Der Hip Hopper fliegt samt Blondinen wegen der Lautstärke seiner Musik auch noch raus. Nicht einmal wegen seinem Musikgeschmack. Die Welt ist ungerecht.
„Was geht?“ will er plötzlich von mir wissen. „Was weiß ich“, entgegne ich. Emily sagt: „Wir können alle zu mir, ich habe noch Bier.“
Das lässt sich niemand von dieser bunt zusammen gewürfelten Truppe angefixter Alkoholiker zweimal sagen. „Ich heiße übrigens Charly“, sagt Emily, und ich nenne ihr einen falschen Namen. „Bist Du beim Fernsehen?“, fragt der Typ, der sich als Ferris vorstellt. Am liebsten würde ich ihn blau hauen. Stattdessen stapfe ich hinter Emily oder Charly oder wie sie heißt hinterher in ihre Wohnung. Verdammt viele Stufen, bei denen ihr Hintern unappetitlich vor mir her wackelt. Noch bevor sie aufgeschlossen hat, höre ich mich fragen: „Wo ist denn der Kühlschrank?“
Eine der Blondinen schlägt sich die Hände vor den Kopf und meint: „Das sieht ja aus hier, boah, wie schön. Fast wie bei Charlotte Roche!“
Charly lächelt etwas wohlwollend. „Naja, nicht wirklich, oder?“
Ich finde den Kühlschrank, hole vier Pullen für mich und sehe, wie sich der Typ, der wie Roger Willemsen oder irgendein anderer intellektueller B-Promi aussieht, auf den Boden setzt. „Wenn das hier schon so aussieht“, sagt er, „dann können wir ja auch gleich noch Flaschendrehen spielen.“ Zu meiner Überraschung gibt es allgemeine Zustimmung, symbolisiert durch verschüchtertes Nicken.
„Sind wir nicht hier, um noch ein paar Bier zu zischen?“ werfe ich ein und sehe mich schon langsam nüchtern werdend in einer Runde mit Menschen, die ich nicht mag oder mögen werde. Da können sie mir noch so viele peinliche Details aus ihrem abgefuckten Liebesleben erzählen.
„Wollen wir uns nicht erstmal vorstellen?“ fragt eine Blondine und fängt an. „Kim“, sagt sie, „ich bin Sängerin.“ „Mieze, auch Sängerin.“ „Ferris, bin auch krasser Sänger.“ „Charly, ich arbeite beim Fernsehen.“ „Roger, auch beim Fernsehen. Aber hinter der Kamera.“ „Mika, Diktatorsohn einer südostasiatischen Kleptokratenrepublik.“ Allgemeines Raunen.
„Dann kann es ja losgehen“, freut sich Charly und aller außer mir stimmen ihr zu. Die leere Flasche Edelvodka dreht sich und ich schütte eine Flasche Bier runter. Abwesend betrachte ich Poster und Platten. Cellophane Suckers, Backwood Creatures, Jet Bumpers, Turbonegro, hätte schlimmer sein können. Es läuft leider was von den Babyshambles, wie die Wohnungsbesitzerin mir sagt, als sie mein Interesse bemerkt.
Das Flaschendrehen geht derweil an mir vorüber. Alle anderen erzählen vielleicht pikante, aber wohl doch eher langweilige Details aus ihrem Liebesleben. Analsex und Stellungskriege höre ich heraus. Die Flasche meidet mich. Ich dezimiere das Bier und widme mich der Plattensammlung, bis Charly mich in ein Gespräch über eine überbewertete Rockband zieht. Dadurch verpassen wir beide, wie der nach wenigen Minuten arg genervte Roger Willemsen Verschnitt der blonden Kim eine Pflichtaufgabe gibt. „Spring aus dem Fenster!“
Kim öffnet ein Fenster und steigt auf die Fensterbank. Alle Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet. Wird vielleicht doch noch mal spannend, denke ich mir. Die Wohnungsbesitzerin kann nur noch rufen, dass dies hier der sechste Stock sei, dann verlässt Kim unkonventionell den Raum. Roger lacht gehässig. Der Hip Hopper wird dadurch böse, zieht eine Knarre und ruft: „Die Alte war mein Fick!“ Dann schießt er ihm in den Kopf. „Ich hasse diese Intellektualen. Diese Denker.“ Ich überlege, ob ich ihn „Intellektuelle“ verbessern sollte, sehe aber die rauchende Waffe und lasse es.
„Dann machen wir doch weiter“, ruft Mieze, klatscht in die Hände und dreht die Flasche. Roger sinkt in sich zusammen. Charly zuckt mit den Schultern. „Prominente!“ denke ich.
Die Flasche bleibt auf Ferris stehen. „Wahrheit oder … was war das andere noch?“ fragte Mieze. „Blasen“, raunze ich gelangweilt. Ferris zieht wieder seine Waffe, doch Charly legt ihre Hand auf seine und sagt ruhig: „Nein, nicht Blasen, Mieze. Es heißt Wahrheit oder  Pflicht!“
„Ach so, hahaha, da weiß ich schon was. Ich nehme Wahrheit.“ Mieze jubelt und kreischt.
„Nein, Du musst die Frage stellen und Ferris darf sich was aussuchen.“ Charly erklärt ihr erneut die Regeln. „Ach so“, Mieze macht einen Schmollmund und ich sehe, wie Ferris ihr in Gedanken dort seinen dreckigen Penis reinschiebt. „Pflicht“, sagt er gönnerhaft und leckt sich über die Zähne.
Mieze kreischt, völlig grundlos. „Da du vorhin so viel Bohnensalat und Zwiebeln gegessen hast, möchte ich, dass du dir einen deiner Fürze anzündest.“ Sie springt auf, klatscht in die Hände und lacht laut, während sie sich im Kreis dreht. Ferris mault kurz, bekommt einen bösen Blick von Charly, zieht blank, ich lache, dann bückt er sich und furzt.
„Anzünden, anzünden!“ ruft Mieze. Ferris bückt sich erneut, furzt, dreht am Rad des Feuerzeuges und es gibt einen lauten Knall samt Feuerball. Ein Blitz durchzieht das Zimmer. Meine Augen sind geblendet, ich höre kurzzeitig nichts. Meine Nase ist der erste Sinn, der langsam zu sich kommt. Es stinkt bestialisch nach verbrannter Haut und als sich meine geblendeten Augen wieder an das schwummrige Licht gewöhnt haben, ist nur noch der Oberkörper von Ferris zu erkennen, wie er leicht zuckt. Blut klebt überall.
„Der hat sich zu Tode gefurzt“, murmelt Mieze. Charly nickt mich an. Ich nehme die Knarre von Ferris und schieße ihm eine Gnadenkugel in den Kopf. Dann ziele ich auf Mieze. „Sag mal, Mieze, bist Du eigentlich stolz drauf deutsch zu sein?“
Die vorher geschockte Mieze strahlt erneut, springt auf und klatscht sich um die eigene Achse drehend in die Hände. „Deutschland, Deutschland. Schwarzer Cafe, rotes Judenblut und goldene Schallplatten. Deutschland, Deutschland.“ Ein Knall beendet die Darbietung. Die Kugel tritt in ihren Kopf ein und aus. Doch, kein Blut, kein Hirn, nichts spritzt. Nur das leise Geräusch, wenn Sauerstoff irgendwo eindringt, durchzieht den Raum. „Pffffssschttt, pffffffssssscht“. Ich schieße sicherheitshalber noch zehnmal in den Rumpf. Sicher ist sicher. Soll ja auch aussehen, wie Notwehr bei der Los Angeler Polizei.
„Mir reichts, ich gehe jetzt.“ Ich will aufstehen, noch einmal zum Kühlschrank und dann weg, als Charly mich anschaut. „Eine Runde noch, Mika. Dann darfst du soviel Bier mitnehmen, wie du möchtest.“
„Kann ich so oder so! Wie willst du mich denn aufhalten“, ich puste über die Knarre. „Okay, aber denkst du nicht, dass ich eine Runde noch verdient habe, da ich mit der Sauerei hier allein gelassen werde?“
Mist, moralisch bekommt man mich immer. „Aber nur eine Runde.“ Sie dreht die Flasche. Die Flasche eiert und bleibt bei den Überresten von Mieze stehen. Ihre Hände zucken und versuchen noch zu klatschen, dann bricht alles zusammen. „Ich übernehme“, sagt Charly. Ein gelangweiltes „Wahrheit oder Pflicht“ rutscht mir raus. Blitzschnell höre ich: „Pflicht!“
„Mir fällt nichts ein.“ Ich will nur nach Hause und habe keinen Bock mehr.
„Dann zieh eine Karte.“
„Was denn für eine Karte?“
„Von dem Stapel der Karten für das Flaschendrehenspiel, die die Redaktion vorbereitet hat.“ Redaktion? Ich verstehe nur Bahnhof, ziehe aber genervt eine Karte und lese stotternd vor. „Ficke mit einem aus dem Raum.“ Ich blicke hoch, Charly ist schon nackt. „Ähem“, räuspere ich mich, nehme eine weitere Karte. „Ficke mit einem aus dem Raum.“ Panik steigt in mir auf. Nächste Karte! Wieder: „Ficke mit einem aus dem Raum“.
„Hier steht ja überall das gleiche!“ Ich werde sehr unruhig. Charly kommt näher. Se murmelt: „Leck meine Feuchtgebiete“. Mir wird übel, ich sehe Schimmelbefall, Pilze und weiß, in diese abbruchreifen Gemäuer gehen nicht mal Filzläuse.
„Lass mal gut sein. Um diese Feuchtgebiete trockenzulegen braucht es jemanden, der sich mit Gas Wasser Scheiße auskennt.“ Ich nehme die Knarre, stecke sie in den Gürtel, schlendere zum Kühlschrank, nehme soviel Bier wie ich tragen kann und verlasse die Wohnung. Als ich die Tür zu ziehe, sehe ich noch, wie sich Charly gerade an den beiden Kameramännern vergeht, deren Sinn ich schon die ganze Zeit nicht verstanden habe. Aber was soll’s, ich bin nur froh, dass ich nicht ins Fernsehen muss.
[Mika]

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6. February 2012

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