Hagen ist nicht Washington
8. November 2009
Wir hatten die Schnauze einfach voll. Die Schnauze voll, von jeden Tag zur Arbeit gehen.
Von Finanzamt, Familienplanung, Hartz 4 und Neuwagengeruch. Von Fernsehen,
Geburtstagspartys, Kinderplanung oder auch nicht. Cholesterinspiegel, verkaufsoffenen Sonntagen, Girokonten, Mietverträgen, U-Bahnpläne lesen und Bürgeramt.
Wir saßen in meinem Wohnzimmer, aßen Taccos mit Dip und tranken Cola, als wir beschlossen unseren eigenen Staat zu gründen und der Gesellschaft den Rücken zu kehren.
Sabine rief sofort „Südpol! Wir gründen eine kleine Siedlung am Südpol! Dann wird alles gut!”
Hagen fand es sofort beschissen, so wie er Ideen anderer immer von vornherein sofort beschissen findet.
„Blödsinn! Viel zu kalt! Wir suchen uns eine warme Insel in der Südsee und schlafen den ganzen Tag in riesigen Hängematten und trinken Schnaps!”
Hagens Vorschlag erntete sofort stürmischen Beifall.
Niemand hier kann wirklich Hagen leiden.
Doch trotz jeglicher Antipathie sah selbst Sabine sofort ein, dass eine Insel in der Südsee einer, von Pinguinen bewohnten Eisscholle am Südpol, jederzeit zu bevorzugen ist.
Martin hatte sofort seinen Laptop auf dem Schoß. Für einen Euro zuzüglich Flughafengebühr buchte sich sofort jeder von uns einen Flug!
Nur Hin – Kein Rückflug!
Startflughafen: Berlin Schönefeld, Zielflughafen: Takatukaland und noch weiter weg!
Fünf Stunden später standen wir bereits alle am Flughafen!
Unsere Wohnungen hatten wir abgeschlossen, unsere Haustiere im Wald ausgesetzt und die Schlüssel in die Gullis geworfen.
Dirk trug einen Strohhut und ein Hawaii-Hemd mit irren Dreiecken und Karos!
„Wenn du in Rom bist, mach es wie die Römer!“
quäkte er vergnügt drauf los und nahm einen großen Schluck aus seiner XXL Pina Colada-Flasche, die er für 1,99 Euro auf dem Hinweg noch bei Lidl gekauft hatte.
„Wer weiß wann es so etwas Gutes wieder gibt!“
18 Stunden später landeten wir in Honulualulalumpi und setzen von dort aus mit
einem kleinen Fischerboot rüber auf „unsere“ Insel. Im Gepäck nur das Nötigste an Eigentum und die Vorfreude auf ein sorgenfreies Leben in Baumhäusern und Hula-Mädchen die einem mit Palmwedeln die deutsche Blässe aus den Gesichtern wedeln würden.
Dem Fischer gaben wir Heikes Perlenkette und den letzen Schluck aus der Pina Colada Flasche. Er rief etwas in einer fremden Sprache und wir freuten uns.
Mit gönnerhaften Blick sah Dirk zu uns rüber „Ich sags euch… machts wie die Römer!“
Die ersten Tage verbrachten wir mit Sandburgen und Holzhütten bauen. Bereits wenige Stunden nach unserer Ankunft hatten wir den Geruch der westlichen Zivilisation abgewaschen, Kleidung sollte es von nun an nur noch in Form von Baströckchen geben! Alle in derselben Größe und Farbe! Essen gab es genug. Wer Hunger hatte kletterte auf eine Palme und pflückte sich eine Kokosnuss. Nur selten kam es vor, dass eine Palme keine Früchte mehr trug, da sie bereits von einer, sich in der Nähe angesiedelten Affenherde, abgeerntet worden war. Dann kletterte man halt wieder vom Baum runter und auf den nächsten drauf.
Es sollte ein sorgenfreies und einfaches Leben sein!
Wir bestimmten, dass unsere Insel einen Namen haben sollte. Wir stimmten für einen ab und entschieden uns mit nur einer Gegenstimme für den Namen „Paradiso“. Lediglich Spaßvogel Dirk stimmte für den Namen „Bananarama“. Zum Trost durfte Dirk das Nationalwappen bestimmen. Von nun an zierte unsere Nationalflagge zwei gekreuzte Bananen was insbesondere bei Hagen Unbehagen verursachte.
Die ersten Monate liefen ohne erwähnenswerte Zwischenfälle. Man lag den ganzen Tag in riesigen Hängematten und trank Schnaps aus viel zu großen Gläsern. Wer Lust auf Sex hatte, hatte Sex und wer Lust hatte eine Sandburg zu bauen, baute eine Sandburg. Wer Lust hatte zu schlafen hatte, schlief ein wo er grade stand und wem langweilig wurde, der spazierte einfach über die Insel oder baute ein bisschen an seiner Hütte rum.
Grade Hagen ließ es sich nehmen, an den Wochenenden an seiner Hütte rumzuwerkeln.
„Liegt ihr nur schön in der Sonne und habt Sex! Ich bau mir eine Garage!“ Sagte er.
Wir mussten alle lachen!
„Was willst du denn mit einer Garage? Wir haben doch gar keine Autos!“
Das war Hagen egal. „Zu einem ordentlichen Haus gehört eine Garage!“ meinte er
Und so fing er an zu bauen. Wenn er nicht baute sammelte er Kokosnüsse.
„Es kann nie schaden ein paar Lebensmittel vorrätig zu haben!“
Irgendwann war seine Garage fertig und mangels eines Autos lagerten dort nun seine Kokosnüsse.
Während die meisten von uns nicht mal Fenster in ihren Hütten hatten fing Hagen an einen Aussichtsturm zu bauen. Und da Thorsten außer spazieren gehen und Sex auch nichts zu tun hatte half er ihm dabei. Dafür bekam er jeden Tag eine Kokosnuss, was ihn sehr freute, da er nun, wenn er Hunger hatte, nicht mehr selbst auf die Palmen klettern musste.
Dafür hatte Hagen nun Zeit! Den ganzen Tag war er damit beschäftigt auf Palmen zu klettern und Kokosnüsse zu pflücken.
Wir anderen lachten
„Soviel Nüsse kannst du niemals essen, Hagen!“
Worauf Hagen jedes Mal trotzig erwiderte:
„Na und?! Dafür kann ich sie in meiner Garage lagern. So ne Kokosnuss wird ja nicht schlecht!“
Ein paar Monate später war Hagens Aussichtsturm fertig. Ein Riesen Apparat von wo aus man einen wunderbaren Ausblick auf die Ganze Insel Paradiso hatte.
Für diese wunderbare Aussicht verlangte Hagen lediglich eine Kokosnuss als Gegenleistung, was auch kein Problem war. So pflückte halt jeder eine Kokosnuss mehr und durfte einmal auf den Turm.
Die Kokosnüsse musste man Maren geben die am Eingang saß und aufpasste, dass auch niemand Blödsinn baut. Vom Aussichtsturm pinkeln oder Sex haben. Für diese Gefälligkeit bekam sie von Hagen jeden Tag eine Kokosnuss und freute sich sehr, da nun auch sie, wenn sie Hunger hatte, nicht mehr selber auf die Palmen klettern musste.
Die Kokosnüsse lagerten in Hagens Garage die nun mittlerweile zu klein wurde und ausgebaut werden musste.
Jeder der ihm half bekam zur Belohnung wieder täglich eine Kokosnuss. Natürlich wollten alle helfen. Das ganze Gekletter auf die Palmen war mühselig und gelegentlich riskant. Und zudem durfte jeder Helfer in seiner Mittagspause einmal umsonst auf den Aufsichtsturm klettern und dort seine Kokosnüsse essen.
Als der Ausbau der Garage fertig war fing Hagen an einen Zaun um sein Grundstück zu ziehen. Wir halfen natürlich alle mit, denn hierfür gab es wieder täglich eine Kokosnuss.
Thorsten bekam mittlerweile sogar zwei Kokosnüsse, da er für Hagen das Essen machte und in seiner Hütte aufräumte. Maren sowieso, denn in den Pausen wollten immer noch alle auf den Aufsichtsturm klettern um ihre Kokosnüsse zu essen.
Als der Zaun fertig war kam Hagen auf die Idee sämtliche Palmen auszuwurzeln und auf seinem Grundstück neu einzupflanzen.
„Es ist besser wenn wir unsere Palmen schützen! Mit Sorge beobachte ich wie die Affenherde sich immer öfter an unseren Bäumen bedient. Erst waren es nur wenige doch seit einigen Wochen sind immer mehr von ihnen gekommen. Wenn wir jetzt nicht handeln, werden wir schon bald keine Kokosnüsse mehr haben!“
Auch uns war aufgefallen, dass die Ernten nicht letzter Zeit nicht mehr so ergiebig waren.
Also fingen wir an alle Palmen umzupflanzen.
Wenn wir nun Hunger hatten mussten wir einfach nur noch zu Hagen gehen. Das war praktisch und bequem!
Thorsten stand nun für zwei Kokosnüsse extra vorne am Tor und bewachte die Palmen.
Da die Kokosnüsse rar waren und Hagen einen enormen Aufwand betrieb die Plantage zu beschützen, sahen wir es natürlich ein, dass es die Nüsse nicht ohne Gegenleistung gab.
Für einen Tag im Haushalt helfen gab es von Hagen eine Kokosnuss. Wenn man Hagen einen Eimer Trinkwasser aus der Bergquelle brachte zwei Kokosnüsse. Für kleine Handwerksarbeiten an seinem Haus vier Kokosnüsse und für Sex sogar sechs Kokosnüsse und eine Tasse von dem Bergquellwasser.
Martin bekam sogar jeden Tag sieben Nüsse, nur dafür, dass er oben auf dem Aufsichtsturm saß und beobachtete wie wir arbeiteten. Ein Traumjob!
Um sicher zugehen, dass die Affen nicht eines Nachts die Plantage überfallen und unsere Nüsse fressen würden, sorgten wir alle dafür, dass wir auch zuhause in unseren Hütten Vorräte lagern konnten.
Hierfür mussten wir unsere Häuser ausbauen.
Für drei Kokosnüsse bekam man von Hagen Baumaterial in Form von Holz, dass Heike und Andreas für zwei Kokosnüsse täglich in Hagens Plantage abbauten.
Eines Tages als ich mit Sabine in unserer Mittagspause am Strand entlang spazierte sahen wir, dass die Flagge mit den gekreuzten Bananen nicht mehr am Aussichtsturm hing. Stattdessen wehte dort nun eine Flagge mit einem braunen Punkt!
Wir wollten natürlich alle sofort wissen was los sei und liefen zu Hagens Haus.
Von einer der Sprossen der Aussichtsturm-Leiter erklärte Hagen
„Ich habe beschlossen, dass die Insel ab sofort nicht mehr „Paradiso“ heißt sondern „Kokosnuss-Island“. Hauptstadt ist Hagen!“
„Wieso heißt unsere Stadt so wie du?“ rief Sabine empört
„Tut sie nicht! Hagen – wie die Stadt im Sauerland! Es gibt ja auch zweimal Washington! Hagen ist also wie Washington! Und überhaupt… ich darf die Insel nennen wie ich will. Es war ja schließlich meine Idee sich hier anzusiedeln.“
Martin fand die neue Flagge viel schöner als die Alte. Die meisten von uns fühlten sich jedoch übergangen und unzufrieden.
Hagen schlug vor, über die Umbenennung später noch einmal zu diskutieren und jetzt keine Zeit mit solchen Kleinigkeiten zu vergeuden. Unsere Kokosnuss-Lager bauen sich schließlich nicht von alleine aus.
Am nächsten Tag rief Hagen wieder alle zu sich um Wichtiges bekannt zu geben.
Er stellte sich wieder auf einer der Leitersprossen und rief
„Ich habe schlechte Nachrichten für euch! Heute Nacht haben die Affen unsere Plantage überfallen! Die Hälfte aller Palmen ist abgeerntet und auch aus der Garage fehlen einige Nüsse. Wir werden den Gürtel nun enger schnallen müssen. Was heißt, dass es für die Tätigkeiten auf der Plantage und in meinem Haus nur noch die halbe Ration an Nüssen gibt. Auch für einen Besuch auf meinem Aufsichtsturm muss ich nun leider zwei Kokosnüsse verlangen!“
Wir waren erschüttert! Erkannten aber auch, wie wichtig es war unsere eigenen Vorratskammern zukünftig noch weiter auszubauen. Und vor allem zu schützen! Denn auch in unsere Hütten konnten die Affen eindringen und plündern.
Wir waren froh, dass wir Hagen hatten, denn er hatte bereits einen Plan
„Wir können hier tatenlos rum sitzen und zusehen wie diese Schimpansen uns die die Nüsse wegfressen oder wir können handeln!“
Hagen erntete allgemeine Zustimmung und tosenden Beifall!
„Ich schlage vor, dass wir morgen in aller Frühe losziehen und diesem Primaten einmal zeigen wer hier auf der Insel die Hosen an hat!“
Hagen hatte Recht! Wir stimmten alle zu und kauften noch, für den lächerlich niedrigen Preis von einer halben Kokosnuss, jeder einen schönen Knüppel, die Hagen noch zufällig in seiner Garage liegen hatte.
Am nächsten Morgen zogen wir in aller Frühe los und schlugen alle Affen tot! Drei Tage lang durchsuchten wir den Urwald, den Strand und die Berge. Wenn wir abends von der Front wieder nach Hause kamen, erstattete Hagen uns jedes Mal Bericht. Denn von seinem Turm aus hatte er eine gute Übersicht auf das Geschehen.
Irgendwann waren dann alle Affen tot!
Wir feierten unseren Sieg mit einem großen Festessen in Hagens Vorgarten. Kokosnuss-Island war nun Affenbefreite Zone. Wir wussten, dass wir nun mit jedem Problem fertig werden würden egal was noch kommen würde!
Sabine sah mir in die Augen und lächelte zufrieden
„Gut, dass wir uns nicht am Südpol niedergelassen haben. Dort gibt es so viele Pinguine. Die hätten wir unmöglich alle erschlagen können!“
Wir lachten und wussten, dass Sabine Recht hat.
Don Chrischan






10. Dezember 2009
Hagen ist ein Arschlochkind!
sehr geile story
22. Dezember 2009
Die Geschichte müsste eigentlich “Hagen ist WIE Washington” heißen!
siehe:
http://www.donchrischan.de