Punk and Disorderly 2009

22. November 2009

Bauern in der Großstadt:  „Das Trinkgeschirr, sobald es leer, macht keine rechte Freude mehr.“  Wilhelm Busch.
Wenn ich aufstoße, rieche und schmecke ich den Anflug einer robusten Topinambur-Mahlzeit. Als Bauernfrau greife ich zum Gegengift: Bier und Wacholder. Wie ist doch die Welt so in Ordnung in meinem Häuschen und meinem zinndeckelbespannten Bierkrug. Noch ein kleiner Topinamburrülpser und ich lasse meine Erlebnisse in der großen, weiten, bunten Moderne-Menschen-Welt Revue passieren.
Wenn wir Bauern einen Ausflug planen, machen wir das fünf Monate vorher. Ist der Tag gekommen, setzen wir uns in unser Bauernmobil und fahren los. Das Bauernmobil, zur Zeit aus gegebenem Anlass ein stinknormales, austauschbares Auto der Kategorie: charakterlos, ist bestückt mit einer charaktervollen, ansehnlichen Menge Bier und einem so ausufernden Berg von Klamotten, dass wir auch die nächsten sechs Wochen weg bleiben könnten von zu Hause.

Freitag: Ankunft, (be-)zaubernde Punks und die Erkenntnis über die Vokabel „Disorderly“.
Weil wir aus einer ländlichen Umgebung kommen, verfahren wir uns erst mal in Berlin. Es ist nicht einfach für den Fahrer, für mich schon. Weil ich schön Teilproduktionsmengen der Diebels-Brauerei zu meinen Füßen gehortet habe und Dank des Gerstensafts und einer ebenbürtigen Menge Vorfreude bestens gelaunt bin. Noch hier und da ein paar verächtliche Bemerkungen über miserable Beschilderungen der Verkehrsmacher der Großstadt für zahlungskräftige und -willige Ausflügler wie uns, einige sympathisch wirkende Sträßchen querbeet und mit Hilfe einiger angeblicher Erinnerungsfragmente landen wir endlich da, wo es keine Parkplätze gibt.

Begrüßung der Stadtmenschen und ehemaliger Landbewohner in unserer Unterkunft und schnell, schnell in den Untergrundzug, wo uns ein Highlight erwartet. Ich bin erstaunt und voller Ehrfurcht, als ein Iropunk, der sich ungeniert schlaksig mir schräg gegenüber auf der Sitzbank niederlässt, mir verdeutlicht, welche Abenteuer man als kleines Bauernlicht in der Großstadt erwarten darf. Mister Iro fasst hinter mein Ohr und zaubert einen Kronkorken hervor. „Cool!“ denke und sage ich auch. „Hier erlebt man so richtig tolle Sachen!“ denke ich in Form eines Nebensatzes. Der halbe Zug klärt in erfrischend aufgeregt-gutgestimmter, offenherziger Smalltalklaune miteinander ab, wer woher kommt. So auch Kronkorktyp und wir. Siehe da! Die angebliche Großstadtattraktion entstammt der gleichen bäuerlichen Großregion wie wir. Ich sinniere und träume einige Minuten vor mich hin: zaubernde Punks, trinkende Bauern, gediegene Nachbarn, lustige Postbeamte, feiernde Polizisten, phantasiesprachensprechende Hartz IV-Massen. – All das gibt’s in unserem Bauernland. Ich lächle und bin zufrieden.

Raus aus der U-Bahn. Ich bin faul. Laufen, laufen, laufen. Pinkeln, pinkeln, pinkeln. Laufen, laufen, laufen. Nach einigen Handbieren kommen wir bei der Stätte an, die für die nächsten drei Tage in Anspruch nimmt, unsere heilige Halle zu sein.

Das „Punk“ aus „Punk and Disorderly“.
„Punk“. – O.k. Ja, sicher. Jeder gibt sich offensichtlich die größte Mühe, dieser Bezeichnung auf coolste Weise zu entsprechen. Alles wuselt herum, als wir die Hallen betreten. Alle scheinen alle zu mustern und einzuordnen. Die Eventtouristen mit den bunten Haaren und den sorgsam angeordneten Punk-Gehröcken erkennen sich untereinander und tauschen bezeichnende Blicke miteinander aus. Sie scannen sich gegenseitig, um in ihrem Eventtouristen-Hirn eine Millisekundeneinschätzung über „cool“ oder „Verdammung“ vorzunehmen. Allerdings ohne das Bewusstsein, ohne die Erkenntnis, die ich schon lange habe, dass sie – als bunt aufgemotzte Scanner – jede Chance vertan haben, zu den Coolen gehören zu können. Coole kommen aus dem Bauernland und tragen normale Trachten.

Mein Blick schweift herum, sucht den richtigen, den perfekten, den wahren Fixpunkt. Mein Blick möchte gefangen werden von … ich habe ES entdeckt. Eine wabernde Traube von irgendwas. Beklemmende Gefühle verdichten sich in meinem Brustkorb. Die monströs große, wuchernde Traube umhüllt einen Bierwagen. Meine Versorgung ist gefährdet. Jetzt begreife ich das ganze Ausmaß des Begriffs „Disorderly“. Ja. Sie meinten die wirklich unordentliche Bierversorgung. „Grobe Ordnungswidrigkeit“. Sie hatten es geschafft, diesen abstrakten Begriff mit Leben zu füllen.

Auch unser Lieblingskumpel Mr. M. Orlando wäre angesichts dieser fast aussichtlosen Situation sicherlich im ersten Moment entsetzt gewesen. Doch Mr. M. Orlando hatte es vorgezogen, nicht teilzunehmen am Ereignis Punk and Disorderly. Diese Nicht-Teilnahme hatte er penibel geplant, indem Mr. M. Orlando die falschen Flüge gebucht hatte. Konzentration, Mr. M. Orlando! Das nächste Mal mit dir, bitte sehr!

Die Frau Schmidt der Bierwagentheke hat, für sich gesehen, wohl alles im Griff. Das jedenfalls scheinen ihre strahlend lachenden Augen der Meute zu verraten, die möglichst nett, unangemessen höflich und letztendlich doch stinksauer, die Beine in den zu füllenden, aber eben momentan noch leeren Punk-Korpus stehend, nicht fassen können, was sich da am Nahrungsmittelausschank nicht tut. Massen von Bierliebhabern auf eine handvoll kärglicher Bierwagen verteilen zu wollen, ist armselig unüberlegt. Massen von Bierliebhabern auf dem Punk and Disorderly auf eine handvoll kärglicher Bierwagen verteilen zu wollen, ist geisteskrank – oder halt „disorderly“. Die Dorfkneipe, die ich früher nicht achtete, sei gesegnet.

Samstag: Persönlicher Skinhead und Cock Sparrer.
„Der Tag lässt sich gut an!“ denke ich, als unsere Herbergsmutter nach durchzechter Nacht mit einigen Helden im Schlepptau unsere, also ihre, Unterkunft betritt. Das Bier fließt sofort in Strömen, geistreiche, biertrunkene Gespräche füllen den Raum bis zum Bersten, und ich bin überglücklich, nach Jahren Kösi, die alte Sau, mal wieder in meine dicken Bäuerinnenarme schließen zu können. Ein sympathischer Herr, der in Kreisen der Neuköllner Straßenprominenz bestens bekannt und hoch geschätzt ist, bietet sich uns als persönlicher Skinhead für den Abend an. Und das ist auch gut so, denn immerhin spielen Cock Sparrer. Wie sonst sollen wir am zweiten Ereignistag des Punk and Disorderly ernst genommen werden? Ein persönlicher Skinhead ist eine großartige Gelegenheit, von allen anerkannt zu werden. Alle Bedenken, alle Ängste von uns Bauern lösen sich auf in Gefühle der Erleichterung. Ein hervorragender Tag, an dem fast nichts nervt. Fast nichts. Außer: die ätzende Bierausgabe, die vielen Menschen, meine Schuhe, der lange Fußmarsch, ansatzweise Müdigkeit und mit neuester Technik laut auftrumpfende „Isch“-Prollos in der Öffentlichkeit.

Interview.
Abends, wenn die Bauernfrau ein paar Bier trinkt, statt Kochwäsche zu waschen, fragt sie ihren dickbäuchigen Bauern, was der so vom Großstadtfestival gehalten und behalten hat, weil sie keine Lust hat, sich selbst zu sehr zu verausgaben.
Bäuerin: Was war der dollste Eindruck vom Punk and Disorderly?
Bauer: Des is ja blöd, lass uns das doch morgen machen mit ein paar mehr Bierchen.
Bäuerin: Nö, jetzt. Ich will vorankommen. Konntest du dein Urin gut verwalten auf dem Punk and Disorderly?
Bauer: Was hast du denn jetzt geschrieben?
Bäuerin: Konntest du dein Urin gut verwalten?
Bauer: Echt, nach drei Bier wirst du schon wahnsinnig.
Bäuerin: Konntest du dein Urin gut verwalten?
Bauer: Jo.
Bäuerin: Hä? Jeder hatte doch Probleme mit den Klos?
Bauer: Ich habe selten gewartet. Obwohl, doch. Gab’s immer paar Gespräche vor dem Pott.
Bäuerin: Ich habe auch eine nette Fraudings kennengelernt. Die hat mir gezeigt, dass man prima hinter die Dixie-Klos in der Halle auf den P&D-Betonboden pinkeln kann. Welche Band war Highlight?
Bauer: Cock Sparrer und die Glitter Band … und The Boys. – Highlight war der Bierwagen.
Bäuerin: Warum?
Bauer: Nee, kommt noch was zu. Zum Satz vorher. Highlight war auch der Bierwagen, vor allem wo wenig Publikum war, zum Beispiel Sonntag.
Bäuerin: Also Highlight war Sonntag, trinktechnisch gesehen? Bringst mir noch ein Bier mit?
Bauer: Noch eins? Määh. Da darf man ja gar nicht aufstehen.
Bäuerin: Danke. Warum?
Bauer: Weil’s Vitamine gab!
Bäuerin: Hä?
Bauer: Ja, Vitamin B. Sagt man doch. Und weil trockene Luft war. Sonst noch wat?
Bäuerin: Glitter Band. Warum hast du dich drauf gefreut? Warum hast du vor dem dicken glitzernden Mann herumgetanzt?
Bauer: Weil ich die schon kenn’, als ich `n Köttel war und fand die gut. Immer noch. Gell?
Bäuerin: Sonst noch was zur Glitter Band?
Bauer: Eigentlich war ich enttäuscht. Zwiegespalten. Weil die wenig von Glitter Band gespielt haben, hauptsächlich von Gary Glitter. Fand ich nich’ so gut, dass nur zwei Leute original waren. Aber ich fand’s trotzdem gut, weil’s auf’m Punk-Konzert war. Hoffentlich spielen nächstes Jahr Slade.
Bäuerin: Wie war dein allererster Eindruck, als wir reingekommen sind in die Punk-Dorf-Hallen?
Bauer: Kalt und lange Wartezeiten auf ein Bier. Die Traube am Bierstand war aussagekräftig. Was fandest du denn?
Bäuerin: Was meinst du?
Bauer: Ja die ersten Eindrücke bei dir?
Bäuerin: Kuddelmuddel, Sympathie, Antipathie gegen „Sehen und gesehen werden“. Und: wo ist der nächste Bierstand?
Bauer: Ja, den ham wir ja sofort gesehen, deshalb war ich ja gleich panisch, weil da so viele Leute standen. Ich weiß noch `n Highlight.
Bäuerin: Meinst du meine Stimme am Sonntagmorgen?
Bauer: War auch lustig, ja, aber nee. Meine ich nicht. Als ich mal wieder Bier holen war, habe ich Smalltalk mit einem Engländer gehabt, der sich dann als Sohn einer der Boys rausgestellt hat. Und dass es Samstagabend geschneit hat, und nicht wenig. Da hatte ich Spaß.
Bäuerin: Wie hast du mich erlebt, als Cock Sparrer gespielt haben?
Bauer: Sehr intensiv. Tanzend beschwingt. Und bei jedem Lied hörte ich zweimal „voll geil!“. So war dat.

Sonntag: Endlich freier Zugang zum Bier und anheimelnde Gefühle.
Endlich weniger Menschen und freier Zugang zum Bierausschank. Das Wochenende neigt sich seinem Ende zu. Als ich am dritten Tag bemerke, dass ich mich hier schon fast ein wenig heimisch, ein wenig wie im vertrauten Dorfgemeinschaftshaus fühle, freue ich mich und nehme mir vor, nächstes Jahr auch wieder zu kommen. Ein toter Smalltalk mit dem im Digital-Blitzlicht-Gewitter stehenden Kassiererchef. Das geht so: Stelle dich neben ihn, weil du dich freust, ihn zu sehen. Sage ein, zwei Sätze. Merke, dass dein Repertoire an Interesse bereits erschöpft ist. Merke: seines auch. Sage zu ihm: „Hey, pass auf. – Ich gehe jetzt unauffällig zwei Schritte nach links, um die Situation für uns beide zu retten.“ Tue es. Und der Abend kann entspannt weiterlaufen. Ein Foto mit Cock Sparrer – Collin McFaull, der richtig toll nach klasse Engländer aussieht. Ich schwärme für Engländer. Ein Autogramm desselben auf eine Single, die ich idiotischerweise einige Tage später aus lauter Lieblichkeit schon wieder verschenke. (Nein, Mr. M. Orlando, behalte sie! Hast sie ja verdient für dein unnachahmbares Geschick, die Verkehrsmittel nicht richtig zu buchen!). Ja, ich werde wiederkommen. Wo sonst kann man so gut seine Wartezeiten auf ein Bier überbrücken?

Auf dem Land ist’s cool. So wie in Bauerdorfen, wo ich nicht wohne, aber schon war. Da läuft’s so: Du rufst den Bürgermeister an, ob du auf der zentral gelegenen Dorfwiese mit deinen drei Kumpels zelten darfst über’s Wochenende. Der Bürgermeister sagt „ja“. Wenn du dort auf der Dorfwiese angekommen bist, dein Zelt aufgeschlagen und die Kiste Bier daneben gestellt hast, lässt du am besten alles so stehen und kehrst erst mal in der Dorfkneipe ein. Am nächsten Morgen trinkst du auf der Wiese schön verkatert dein Frühstücksbier und blinzelst zufrieden in die Sonne. Im Laufe des Vormittags tauchen erst der Dorf-Postbote und dann der Dorf-Polizist auf, setzen sich mit dir neben dein Zelt, trinken einen mit dir. Und der Postbote spielt Quetschkommode. Ja, es ist schön, das Landleben.

Hamilton hat gesagt, dass er sogar mit Vettel rechnet. Dass er oben mitfährt. Ich trinke noch einen, denke über das nach und freue mich auf’s nächste Bauernwochenende. punkundhäuslichkeit.

1 Kommentar

  • Mutti Schlafplatz
    26. November 2009

    Jawoll! Jaaaawoll! So war dat gewesen!
    Und das näxte Mal gibts auch Frühstück und Sight Seeing… Ick schwöre!!!

Kommentiere Punk and Disorderly 2009

Your name here
Your name here
6. February 2012

-->

Powered by WordPress.org - WordPress Theme deZine by ThemeShift.com