The Montesas – Von Pomade, Promille und Psychopaten – oder schlicht und einfach: Sex, Drugs & Rock ‚n’ Roll
Reichlich verkatert vom Vortag – schließlich war Sonntag, an welchem anständige Punkrocker gefälligst einen dicken Kopf vom Saufen haben – spazierten Antje und ich zur besten Lindenstraßenzeit ins nahgelegene Absturzkneipchen Limba, wo wir regelmäßig unsere letzten Kröten für Jägermeister, Bier und sonstige Leckereien über die Theke schieben. Solltet ihr im übrigen auch mal tun, wenn ihr zufällig in Villingen Station macht.
Ihr fragt euch jetzt vielleicht warum. Ganz einfach: Ein dermaßen kultiges Saufplätzchen findet man wahrlich nicht in jedem x-beliebigen Drecks-Kaff. Umso erstaunlicher dass sich so ein kleines Ethanol-Juwel gerade in unseren stinklangweiligen Breitengraden verbirgt und dort auf trinkfeste Punkrocker mit nem ordentlichen Durst wartet.
Das weiß auch die werte Prominenz zu schätzen. Selbst Sauerstoffzeltanwärter Bela B. hat sich hier schon des öfteren die Tische von unten angeschaut. In dieser schnuckeligen Kneipe ist die Rate von Antialkoholikern quasi auf null. Wenn dort einer nüchtern die Lokalität verlässt, kann mit diesem beim besten Willen etwas nicht stimmen. Es sei denn er ist aus nachvollziehbaren Gründen – dazu zähle ich im übrigen keine Earth Crisis Trendy-Mitläufer – Straight Edger wie unser stets nüchterner Kumpel Dejan.
Natürlich hätten wir an jenem Abend wissen müssen, dass sich der angesetzte Konzertbeginn von 18 Uhr 18 locker um ne gute Stunde hinauszögern würde. Schließlich befindet sich nun mal jeder ordentliche Limbianer seit mittlerweile annähernd 800 Folgen im Lindestraßenfieber und schaut diese, bevor er im Konzertsaal respektive Limba auftaucht, pflichtbewusst zuhause im warmgefurzten Ohrensessel zu Ende. Meines Wissens verkehrt unter diesen Verzückten sogar einer jener Fanatiker, die sich das original Lindestraßen-Fahrrad aus Iffis „Drahtesel“ für ne vierstellige Summe zugelegt haben. Dass er jedoch damit ins Limba fährt kann aus promilletechnischen Gründen so gut wie ausgeschlossen werden. Aber wieder zurück zu jenem kalten Novemberabend:
Da wir bereits letzten Winter von den wohlwollenden Klängen der Kasselaner Rockabillys dermaßen begeistert waren, wollten wir auch dieses Jahr keine einzige verdammten Minute ihrer genialen Show verpassen. So programmierten wir, mal wieder voll Futur ey, unseren guten alten Video 2000 pünktlich auf 18 Uhr 40 und nahmen uns das Recht heraus die Chefserie zu späterer Stunde zeitversetzt anzuschauen.
Bevor wir jedoch zur gegnerischen Theke überliefen, soffen wir erst mal unseren mitgebrachten und streng verbotenen Fremdalkohol weg. Weil’s draußen so fuckin’ kalt war – im Schwarzwald schneits selbst im Juli – ließen wir die drei verblieben Biere im Akkord die Kehle passieren. Nachdem das letzte Tröpfchen die Flasche verlassen hatte, enterten wir den Schuppen und taten das was man im Limba tun muß: Bestellen und Saufen! Tja, selbst in so ner Prollgegend wie der unseren schimmert an so manch verborgenem Fleckchen noch das ein oder andere Häppchen Kultur durch. Man muss nur lange genug danach suchen. Doch nicht dass wir nur sinnlos Bier und Schnaps in uns hineinleerten, nein wir sicherten uns auch flugs den besten Platz direkt vor der Bühne. Uups, sagte ich gerade Bühne? Das muss mir wohl rausgerutscht sein. Hier ist es üblich, dass die Bands ohne Podium mitten im Publikum stehen. So und nur so machen Konzerte wirklich noch Spaß!
Weil das Kneipchen bereits mit knapp 70 Leuten dermaßen pickepacke voll ist, muss man sich wirklich frühzeitig ein gutes Eckchen sichern. Ansonsten findet man dort noch nicht mal mehr Platz um die im wahrsten Sinne des Wortes schneidbare Luft einzuatmen. Schon des öfteren erlebten wir in diesen Räumen Zustände, die jenen auf einem Backstreet Boys Konzert in der ersten Reihe in nichts nachstehen. Beispielsweise erinnere ich mich trotz einer Flasche Wodka inner Rübe noch bestens daran, wie die Rock’n’Roll Damnations im Rahmen einer Anti-Fastnachts-Veranstaltung, in dem derb überfüllten Laden mit einer ihrer zahlreichen AC/DC Coverversionen die Decke zum Einsturz brachten.
Diesmal sollte nichts dergleichen geschehen. Es waren vielleicht gerade mal 40 Leutchen anwesend, was aber bei der Enge der Location, wie man heutzutage in albernstem Techno-Neudeutsch zu sagen pflegt, der Stimmung keinerlei Abbruch tat. Während der letzten Klängen des Soundchecks deckten wir uns noch kurz mit genügend Jägermeister ein und schon konnten die Hauptdarsteller des heutigen Abends loslegen:
Die vier Vollblutmusiker begeisterten uns mit einer Lawine an temperamentvoller Songs aus Zeiten als Villingen-Schwenningen noch nen anständigen Fußballclub vorzuweißen hatte. Sie spielten eine gesunde Mischung aus Beat, Soul, Surf und streiften auch ab und an mal ne Garage… Klasse Dingens eben. Jeder, wirklich jeder einzelne verdammte Song war ein kleiner Hit. Natürlich durften deren große auch nicht fehlen, was die Damen und Herren Limbianer, die zu dieser frühabendlichen Stunde schon wieder gut angesäuselt waren, dazu veranlasste ausgelassen mitzuwippen. Selbst bei der ein oder anderen Coverversion, wie beispielsweise Madonnas ‚Material Girl’ konnte ich den Jungens keinen schwerwiegenden Fehler attestieren. Und das obwohl mir geklaute Songs in Zeiten, in denen Bänds zu blöde sind eigene zu schreiben, eigentlich zum Halse respektive zu den Ohren raushängen. Doch nicht so bei den Montesas. Wieder mal verging der Gig wie im Fluge, so daß es zum abschließenden Showdown mit den schon beinahe zum Programm gehörenden Gastsänger-Einlagen kommen sollte. Als erstes fragten die Musiker natürlich nach Alex Vicious, der bei deren letztjährigem Gig in unnachahmlicher Manier ‚Johnny B. Goode’ einschließlich bestem Posing und Tanz auf dem Schlagzeug vorgetragen hatte. Dass der gute Alex sich damals nicht noch mit nem Sprung aus dem Fenster verabschiedete, war wirklich alles. Fürwahr ein guter Poser, das muss man ihm lassen. Überhaupt kamen wir bei diesem grandiosen Konzert aus dem Lachen beinahe nicht mehr heraus. Ständig stichelten die mit pomadig tollen Tollen auffem Hohlkopf ausgestatteten Montesas gegen unsere super gestylten Stachelfrisuren, was uns wiederum dazu veranlasste ihre Schleimfrisuren lautstark durch den Kakao zu ziehen.
So gab es in den Pausen des Programms wahre Rededuelle mit witzigen Seitenhieben zwischen den sich gegenüberstehenden Gruppen auf die typischen Klischees der verschiedenen praktizierten Lifestyles.
Wenn man dieses Geplänkel unter dem Aspekt längst vergangener Tage betrachtetet, in denen sich Punks, Mods, Psychos und Teds nicht nur verbal sondern mit den Fäusten bekämpften, brachte das Spielchen auch eine gewisse Situationscomic mit sich mit.. Was haben wir gelacht als der Sänger Marcel Bontempi versuchte unserem Alex mit nem Kamm beizubringen, wie man mittels Schleimfrisur jede designierte Schwiegermama auf seine Seite zieht.
Tja das war damals in fuckin 1999. Schade dass sich ein Jahr später kein Alex Vicious unter uns befand. So mussten eben andere Größen des Showgeschäfts seinen Platz auf der Bühne einnehmen. Zuerst versuchte sich daran ein überaus lustiger Schnautzbartproll, der irgend ne alte R & B Nummer zu nem Wurschtkasper-Blues umbaute. Der Kerl war schlicht und einfach genial: Trotz seiner ihm keineswegs abzusprechenden Musikalität brachte er unsere Lachmuskeln mit seinen selbstgedichteten Texten beinahe zum platzen. In der letzten Strophe sang er zu den elegantesten Klängen etwas von nem Haus mit 1000 Weibern die’s ihm besorgen sollten. Harter Stoff, wa? Ich hätte beim besten Willen auch nicht gedacht, dass in Villingen talentierte, schon leicht greisende, Oi-Sänger unter uns verkehren. Sollte „4 Promille“-Shouter Thomas seiner Bänd eines Tages unverhofft den Rücken kehren, könnte unser Limba-Proll problemlos bei der Skinband einspringen.
Nach einigen Überredungskünsten und noch mehr Schnäpsen betrat anschließend Markus, seines Zeichens Gitarrist bei Church of Abba die Bühne und zelebrierte in beinahe sensationeller 1:1 Version ein Stück von einem Mann, der sich 1977 aufgrund extremer Fettleibigkeit dafür entschied, zukünftig die Radieschen von unten zu betrachten. Was für ein großartiger Imperator äh meinen natürlich Imitator: Der Abba-Kirchgänger brachte es doch tatsächlich fertig Mr. Presleys graziöse Stimme und den Vibrator, den dieser beim Singen im Arsch hat, annähernd identisch nachzuahmen. Und das obwohl er inzwischen seine ultracoole Gürtelschnalle im Pfandhaus verscherbelt hat.
Wenn ich mich recht erinnere handelte es sich um den balladesken Song ‚Mommey’ aber das nur ganz um Rande und selbstverständlich ohne Winnitous Silberbüchse.
Außer mit Church of Abba musiziert besagter Markus übrigens noch mit ner unglaublichen zwei Mann Combo die Musik im Stile bester Lo-Fi Sixtiesmanier runterschrammelt. Sollten die Jungs demnächst auf große Welttournee gehen und ich mir daraufhin durch ständiges konsumieren ihres Videos auf MTV endlich den nicht gerade alltäglichen Bandnamen merken können, müsst ihr euch die Spinner unbedingt mal ansehen. Doch bleiben wir bei den eigentlichen Hauptakteuren des Abends.
Natürlich wurden die Montesas nach der letzten Zugabe nicht von der Bühne gelassen, was sie noch zu einigen kleinen Gimmicks veranlasste. Beim allerletzten Song wälzte sich der amerikanische Orgler, genannt Buffolo Bix, der im übrigen auf ner original Hammond klimpert, nach bester alter Alin Manier im Dreck und schlug mit seiner Schelle wie wild auf den Boden ein. Der Kerl wollte damit überhaupt nicht mehr aufhören. Keine Ahnung wat der sich mal wieder für Drogen gespritzt hat. Vermutlich Rindfleisch oder Fischmehl..
Wie die Wurst deren zwei so hatte aber auch dieser witzige Konzertabend irgendwann mal ein Ende. Wir investierten nochmals den Rest unsere Haushaltskasse in Alkohol und ließen uns von dem taxifahrenden Nachbarn für den Unkostenbeitrag eines lausigen Fünfers nach Hause kutschieren.
Mit Ach und Krach schafften wir die letzten paar Stufen, die uns ins traute Heim zurückführten, wo wir von Gazza unserem Kampf-Kater schon erwartungsvoll begrüßt wurden.
Treuherzig wie dieser uns mit seinen großen grünen Augen anblickte, konnten wir ihm seinen Wunsch noch ne Runde Darda-Rennbahn zu spielen natürlich nicht abschlagen.
Dies taten wir bis unsere kleine Hellcat vor Erschöpfung einschlief. Danach gab’s noch ne feine Prise Lindestraße aus der Konserve und wir beendeten den Abend damit uns mit der Zeugung des Zukünftigen Weltherrschers, der euch in einigen Jahren alle unterdrücken wird, zu beschäftigen. Pankerknacker-Abonomenten werden im übrigen davon verschont. In diesem Sinne Guten Abend.
Opa Knack






7. February 2012