Von charismatischen Punkrocksängern und ihren versoffenen Anhängern

27. November 2002

So macht das Punkrockerleben endlich wieder Spaß. Nach monatelanger, harter Schufterei im Freibad Villingen, besorgte ich mir wie einst in nem fröhlichen Sörf-Song der Dead Trousers – als diese noch gut waren – besungen, bei Doc Holiday nen gelben Schein und läutete damit den Kräfte zehrenden aber heißen Konzertherbst ein, der uns jetzt und in Zukunft öfter eine klasse Bänd nach der anderen bescheren sollte. So packte ich bereits Freitag nachmittags Antje, Karin und Alexx ins Auto und düste 200 kurzweilige, weil mit guter Musik aus der Konserve unterlegte Kilometer nach Neustadt an die Bierstraße. Unglaublich aber war, es lief entgegen aller Erwartungen wie am Schnürchen: Das Auto schnurrte wie Clockwork Orange, die Wegbeschreibung passte wie die oft gebrauchte Faust aufs Auge, der Fahrer war sichtlich ungenervt, und die Beifahrer befanden sich in bester Party-Laune. Sogar an ein Grundlage schaffendes Abendessen bei 180 Sachen die Stunde war in Form von mit Schafskäse gefüllten Pepperonis gedacht. Da wir es clevererweise vorzogen vitaminreichen Schnaps mit 56 wertvollen Kräutern statt ungesundem und treibendem Bier zu Abend zu trinken, hielten sich auch die Zeit und Kräfte raubenden Pinkelpausen auffallend, zwar nicht in den Grenzen von 1867, aber immerhin denn doch im grünen Bereich auf. Wobei ich in diesem Zusammenhang Joschka Fischer aus hinlänglich bekannten Gründen in Gedanken mal wieder feucht fröhlich ins Gesicht rotzen möchte… Aber das nun wirklich nur am äußersten Rande….
Nach ca 2 1/2 Stunden Fahrzeit enterten wir dann doch einen Rastplatz, an welchem drei pienzende Waschweiber, in Form meiner Mitfahrer, ihr Blasenproblem erfolgreich zu beheben wußten. Während die eben genannten ihr eben genanntes Anliegen beseitigten, stellte mich ein fliegender Weinhändler vor eine Neues: In der Hoffnung ihm das ein oder andere Gläschen Traubensaft aus probetechnischen Gründen abzustauben, sprach ich ihn an, bereute es aber bereits nach der ersten Silbe, die zur Antwort aus seinem marktschreierischen Munde quoll. Ich erkannte in ihm einen dieser Helden, die dazu in der Lage sind ihrem Gegenüber dermaßen das Ohr blutig zu reden und ihre damit ausstrahlende Macht unwiderstehlich auszuspielen bis ihr Opfer nur noch Luft japsend um Gnade winselt. So auch dieses Exemplar der Sorte „Einmal am Hals nie wieder ohne Schal“. Unaufhörlich versuchte er mich für die örtlichen Weinfeste inklusive den dazugehörigen Blasmusikkapellen zünftig zu begeistern. Als es mir in einem unbeobachteten Moment gelang – er fertigte Zwischendurch nen Kunden mit ner gepanschten Karaffe umgefülltem Aldi-Weines ab – zwei Schritte Richtung Auto zu eilen und mich mit nem schulterzuckenden „Die Damen werden schon ungeduldig“ entfernte, dankte ich dem Herrn für sein Verständnis und schickte flugs 3 Kreuze gen Himmel um daraufhin Richtung dem unweit gelegenen Hambacher Schloss zu enteilen.
Dort angekommen vernahmen wir aus weiter Ferne schon die eher planlosen Klänge krachender Gitarren, welche wohl nur von eingefleischten Deutschpunk-Fans als so etwas ähnliches wie Musik bezeichnet werden dürfte. Während ich noch kurz in bester Asselpunk-Tradition in den Wald bolzte, drangen plötzlich mir nur allzu wohlbekannten Akkordfolgen in meine ungewaschenen Gehörgange. Da coverte doch tatsächlich jemand Knochenfabrik’s „Nackter Golfer“.
Wer auch immer die Verbrecher waren, sie taten dies so schlecht, daß mir mein Knödel fast in die Unterhose fiel anstatt ins dafür vorgesehene und bereits gemachte Nest zu plumpsen. Schnell wischte ich mir den Arsch ab, rannte zurück zu meinen troien Weggefährten und schleppte diese im völlig unpunkigem Eilschritt hoch zum Schloss um dort noch mitzukriegen, wer diese Dilettanten denn letztendlich waren. Unmittelbar nachdem wir einen ziemlich okayen Obolus von 10 Stutz abgedrückt hatten, verließen die Heinis aber die Bühne, weswegen wir nicht mehr dazukamen ihnen für ihre gar schrecklichen Gräueltaten den pickligen Hintern zu versohlen.
Kaum waren diese merkwürdigen Gestalten verschwunden wurde uns zu allem Überfluss mit heissen Reggae-Tönen von Bobby Marlene eingeheizt…. Nun ja, der Schuss ging zumindest für mich nach hinten los. Scheiss Hippie-Mucke. Taugt vielleicht zum ficken, doch wir waren ja nicht zum Spaß hier, sondern um das ein oder andere Beinchen Pogo zu tanzen. Andererseits muss ich zugeben, dass das Gejaule aus der Konserve zu dem Ambiente und seinen Besuchern sprichwörtlich passte wie die allzu oft zitierte Faust aufs Auge.
Etliche herumstreunende Hippie-Punker und verlauste Kiffköpfe gammelten hier herum und taten das was sie am besten konnten: Erbärmlich aussehen, auf Wiesen rumflacken und verpeilt durch die Gegend starren.
Uns sollte es egal sein, schließlich hatten wir von der Fahrt noch ne halbe Flasche Southern Comfort und ne Buddel Jägi auf Tasche. Über die machten wir uns alsbald her und vertrieben uns die Zeit damit ein Interview für ein Piercing- bzw. Tattooladen aus Berlin zu geben. Will echt nicht wissen was ich denen für nen Scheiß erzählt habe, bevor mir Antje Hände über den Kopf schlagend das Mikro entriss.
Im Anschluss schwankten wir drei – Oma Promille, ich und die Liter-Flasche Jägi ins Bänd Zelt wo wir uns nicht einig wurden wer denn jetzt von den drei anwesenden haarlosen Musikern letztendlich Schlagzeuger Ulf von den Boxhamsters sein sollte. Nachdem die kahlen Gesellen uns dann aber in penetranter Art und Weise um Jägermeister anschnorrten (verdammtes Assi-Pack!) stellte sich schnell heraus, dass keiner von den Dreien aus Gießen kam sondern dass sie eher als Rhythmussklaven von General Oberfeldwebel Hollies einzustufen waren. Nun fragte ich mich daraufhin nicht ganz zu unrecht, was El Lee vor Jahren denn für ein schlechter GI gewesen sein muss, wenn er es nicht mal hinkriegte, diesen sinnlos saufenden Sauhaufen, der zu allem Überfluss noch die Frechheit besaß, annähernd mittellose Punkrock-Journalisten um ihr letztes und einziges Hab und Gut zu prellen., in den Griff zu bekommen.
Wären diese Berber wie es sich gehört zum Bund gegangen anstatt als streunende Musikanten planlos durch die Gegend zu ziehen, hätte ich ihnen wohl nicht, das meinen Empfindens zu unrecht verschmähte Wort Disziplin, erklären müssen. Als dann auch der größte Analphabet unter den Saarländern jenes Zauberwort 100 mal an die Tafel geschrieben hatte, konnten wir dazu übergehen voll united dem kleinen Fläschchen gemeinsam den Garaus zu machen. Und das ging doch relativ schnell. Nach einigen Schlückchen ließ sich selbst Mister Hollies dazu hinreißen einige Anekdötchen aus alten Spermbirds-Tagen vorzutragen. Schade nur, dass ich für nen bahnbrechendes Spontan-Interview schon wieder viel zu dicht war. Anderes mal vielleicht…
Kaum war die Flasche leer mussten die fünf Rabauken, womit ich selbstredend nicht eine gewisse Aushilfs-Onkelz Formation für Arme meine, auch schon auf die Bühne.
Um zu überprüfen ob den Jungens der Schnaps zu Kopfe stieg und ob sie dazu in der Lage waren, unter derartigen Einflüssen wenigstens noch 3 Akkorde hinzubekommen, folgten wir ihnen so unauffällig wie es mit anständig Schlagseite eben geht.
Und wie schon am Schopfheimer Holzrock im Jahr zuvor bewiesen, sind Steakknife diesbezüglich eine echte Bank. Auch diesmal bekamen wir wieder das volle Brett ab. Im sehr prägnanten, einzigartigen und typischen Steakknife-Stil rockten die Saarländer los als gebe es danach keinen Morgen mehr. Ich kenne wirklich kaum eine Band, die auf dem Gebiet Aggression und Intensität Live mehr zu bieten hat als diese fünf Berserker.
Giftzwerg Lee deckte mit seiner wilden Show die ganze Bühne ab und würde damit wohl auch auf größeren Brettern die eher für Acts wie AC/DC oder Motorhead die Welt bedeuten, nicht untergehen. Ganz im Gegenteil, dort hätte er wenigstens genug Platz um sich so richtig auszutoben. Doch nicht nur während der Songs glänzte der kleine Frontmann durch seine charismatische Ausstrahlung, nein auch als ein verdammt grosser, dicker Volldepp in Motorradjacke mit Motorradclub Rücken-Badge plötzlich neben im auftauchte und ihn anpöbelte reagierte er äußerst souverän.
Gekonnt begann er diesen nach Strich und Faden zu veralbern und bloßzustellen bis er bereitwillig die Bühne verließ.
Mit den Worten: „Hey Junge was willst du eigentlich, morgen wirst du aufwachen und all deine Freunde, vorausgesetzt Du hast welche, werden dich für deine Dummheit auslachen“, setzte er noch einen drauf und konzentrierte sich anschließend wieder auf das was er noch besser kann, nämlich zu singen respektive zu schreien.
Irgendwann während des Gigs forderte uns der vollbärtige Gitarrist dazu auf, ihm unsere inzwischen wirklich allerletzte Schnapsflasche auszuleihen. Dummgesoffen wie wir an diesem Abend waren, taten wir ihm den Gefallen und mussten mit einer Träne im Knopfloch ansehen wie er diese mit 3 kräftigen Schlücken leer machte. Drecksack!
Aber egal, so hatten wir nach dem Auftritt wenigstens wieder etwa Vernünftiges zu tun, nämlich uns auf die Suche nach neuen Alkoholikas zu begeben. Dieses Unterfangen sollte an diesem Abend jedoch kein Leichtes sein. Karin und Alex hatten zu unserem Bedauern inzwischen ihre Flasche Southern gekillt und an der Tränke war zu allem Überfluss auch noch das Bier ausverkauft. Doch selbst diese kritische Situation konnte uns nicht schocken. Als gestandene Punkrocker von Welt hat man mit den Jahren eben dazugelernt und verfügt inzwischen über ein nicht gerade unerhebliches Potential an Schnorr-Sprüchen und weiß diese selbstverständlich auch besonders wenn’s ums Durstlöschen geht zielstrebig einzusetzen.
So konnte die feuchtfröhliche Chose munter weitergehen und wir uns nebenbei den nun auftretenden Künstlern widmen.
Bevor wir uns jedoch die, was LIVE-Auftritte angeht, sich stets rar machenden Hamsters anschauen duften, kalibrierten diese noch ihre Instrumente respektive ihre eingerosteten Stimmgabeln.
Mit einem motivierenden „Du bist aber alt geworden“ begrüßte ich Co der daraufhin endlich begann unmittelbar vom Soundcheck in das Programm überzugehen.
Kurz darauf stimmten auch die anderen drei älteren Herren in den ersten Song ein, welchen der erwartungsvolle Mob begeistert mitsang.
Da mir der nächste Gänsehauthit dermaßen an mein kleines Punkrockerherz ging, brauchte ich unbedingt ne Zigarette, weswegen ich mich an einen nicht mehr ganz so jungen Mann mit „Disco-Punx-Karlsruhe“-Aufnäher, der neben mir stand, ranmachte um eben diesem eine Fluppe abzuschwatzen.
Zu meinem Bedauern erwiderte der alte Sack jedoch grinsend „Sorry Stefan, ich rauche nicht“. Erst daraufhin bemerkte ich dass der Scheintote mit dem imaginären Sauerstoffzelt überm Kopf neben mir Opa Frick war, welcher schon seit längerer Zeit von Dr. Mengele absolutes Rauchverbot verschrieben bekommen hat.
Doch wenn man schon mal beim Schnorren war, wollte man auch nicht leer ausgehen.
Statt des Klimmstängels ergatterte ich mir einen nigel nagel neuen Enpunkt, der mich in der bevorstehenden Woche wie schon so oft einen kompletten Tag von so wichtigen Dingen wie Essen, Trinken, Ficken und Schlafen abhalten sollte…
Nach kurzem Feilschen konzentrierte man sich wieder auf die Hamsters, die einen guten Querschnitt ihrer vergangener Alben boten. Für meinen Geschmack wurden ein paar Songs der neuen „Saugschmerle“ zuviel gespielt und dafür einige grossen Hits der Vergangenheit wegegelassen. Doch so läufts selbst im Punk-Business wenn man seine neue Platte promoten muss. Bei „1976“ konnte sich selbst KNF nicht mehr hinter seiner deutlich jüngeren Begleiterin verstecken und legte einen recht ordentlichen Altherren-Pogo aufs Terrain. Natürlich konnte ich es mir nicht nehmen lassen ihn dabei das ein oder andere mal liebevoll anzurempeln. Selbstverständlich achtete ich darauf die Leiden und Gebrechen des Punkrock-Rentners nicht noch zu verstärken und bemühte mich dabei möglichst fluffig zu hüpfen. Besonders witzig kam während des ganzen Gigs auch der ca. 14jährige Kidpunk mit seiner wehenden rosa Langhaarmatte auf der Bühne rüber, welcher sich vorm inzwischen zahlreich vertretenen Publikum durch sein albernes Gepose und Head-Banging ganz schön zum Affen machte. Dass ich den Kerl später noch kennenlernen sollte und ihn inzwischen sogar ganz okay finde, hätte ich an diesem Abend nun wirklich nicht gedacht.
Nach einigen wenigen Zugaben und der Durchsage dass soeben die Bullen aufgetaucht wären, endete das ganze leider ziemlich abrupt. Aus Mangel an Schnaps schlichen wir im Anschluss erneut Richtung Bandzelt wo wir den Boxies bei dem ein oder anderen Anekdötchen noch diverse Schlücke Jägermeister abstauben konnten. Als selbst Antje das Saufgelage zuviel wurde gelang es dieser nur mühevoll mich in Richtung Auto zu schleppen wo Karin und Alex bereits mit ner geschnarchten Gutenachtgeschichte auf uns warteten. Vor unserer Karre lag übrigens jener oben erwähnte Kidpunk und bat stark lallend um Mitfahrgelegenheit für den nächsten Tag. Da bunthaarige Punker bei Widerspruch zumeist das Randalieren beginnen, gewährten wir ihm diese gegen das Versprechen vor der Abfahrt seinen kompletten Mageninhalt zu entleeren. Nachdem der sich im Auto befindende immense Müllberg aus Platzgründen noch auf dem Parkplatz verstreut wurde, konnten letztendlich auch wir hastig Karussell fahrend einschlafen und dem nächsten Tag gespannt ins Auge schauen.
Opa Knack

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7. February 2012

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